Auf Raketen folgt Diplomatie

SYRIEN ⋅ Nach dem Raketenangriff kündigen Frankreich, Grossbritannien und die USA eine diplomatische Initiative an. Diese hat den Anspruch, den seit sieben Jahren tobenden syrischen Bürgerkrieg zu beenden.
16. April 2018, 04:38

Martin Gehlen, Tunis

Obwohl sich das syrische Regime von den westlichen Angriffen völlig unbeeindruckt zeigt, kündigten Frankreich, Grossbritannien und die USA gestern eine umfangreiche diplomatische Initiative an, um den seit sieben Jahren tobenden Bürgerkrieg zu be­enden. Man werde schon heute Montag neue Vorschläge machen – im Weltsicherheitsrat in New York und in Brüssel beim Aussenministertreffen, erklärte Frankreichs Chefdiplomat Jean-Yves Le Drian, während auf den Strassen von Damaskus Tausende Menschen die eigene Armee und Baschar al-Assad hochleben liessen. Ziel sei es, «mit allen, die das wollen, den Fahrplan festzulegen», erklärte Le Drian in Paris. Gleichzeitig warnte er vor dem nächsten humanitären Desaster in der Rebellenprovinz Idlib.

In Damaskus dagegen sang die Menge patriotische Lieder und schwenkte Fahnen von Syrien, Russland und der Hisbollah. Einige Regimeanhänger skandierten: «Baschar, wir folgen deinen Befehlen – und wenn die Welt in Flammen aufgeht.» Andere zeigten sich erleichtert, dass die nächtlichen Angriffe der Alliierten lediglich rund 45 Minuten gedauert und keine Todesopfer gefordert hatten. «Wir sagen Trump, du kannst nichts machen. Wir feiern hier, um dir zu zeigen, dass du am Ende bist», deklamierte eine Demonstrantin im Staatsfernsehen.

Doppelte Anzahl Raketen

Das syrische Präsidialamt verbreitete am Samstag ein kurzes Video, auf dem der Diktator demonstrativ mit Aktentasche in der Hand durch die prächtigen Marmorhallen seines Palastes schlenderte. «Diese Aggression wird Syrien und sein Volk nur noch entschlossener machen, den Kampf fortzuführen und den Terrorismus in jedem Zentimeter des Landes auszumerzen», sagte er. Zur gleichen Zeit gab das syrische Oberkommando bekannt, die Armee habe auch in der Stadt Duma die Kontrolle übernommen, nachdem drei Tage zuvor die letzten Rebellen von Jaish al-Islam mit ihren Familien nach Nord­syrien evakuiert worden waren.

Nach Angaben des Pentagons war die Zahl der abgefeuerten Raketen etwa doppelt so hoch wie vor einem Jahr nach dem Giftgasangriff auf die nordsyrische Stadt Khan Sheikhoun. Damals feuerten US-Kriegsschiffe im Mittelmeer 59 Marschflugkörper ab. Diesmal galten die Luftschläge dem chemischen Forschungsinstitut Barzeh bei Damaskus und zwei Militärbasen nahe Homs, auf denen Chemikalien für Giftgasbomben lagern sollen.

Untersuchung hat begonnen

Am Samstag vor einer Woche waren nach einem Luftangriff in der Stadt Duma in Ost-Ghuta mindestens 43 Menschen in ihren Schutzräumen erstickt und über 500 verletzt worden. Vielen der Opfer quoll weisser Schaum aus Mund und Nase, Symptome, die den Einsatz von Nervengift nahelegen. Nach Einschätzung westlicher Geheimdienste sprechen Indizien dafür, dass zwei syrische Hubschrauber Granaten mit ei­ner Mischung aus Chlorgas und Sarin abwarfen. Ein Team der «Organisation zum Verbot von Chemiewaffen» (OPCW) begann gestern mit Analysen vor Ort.

Die Rückeroberung von Ost-Ghuta ist für den syrischen Diktator ein ähnlich spektakulärer Erfolg wie ein Jahr zuvor der Sieg über die Rebellen in Ost-Aleppo. Damit kontrolliert Baschar al-Assad jetzt praktisch alle wichtigsten Teile des Staatsgebietes, in denen die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Bevölkerung lebt. Das Regime muss keinen nennenswerten militärischen Widerstand der Aufständischen mehr fürchten, die neben zwei Enklaven nahe Homs und im Südwesten rund um Daraa nur noch die Nordprovinz Idlib beherrschen. Auch die syrisch-kurdischen Gebiete an der Grenze zur Türkei, die in den letzten Jahren eine gewisse von Damaskus geduldete Autonomie besassen, riefen das Regime um Hilfe, seit die Türkei die Grenzenklave Afrin belagert.


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