Mitten in einer riesigen Klangwolke

KKL ⋅ Römische Klangkultur und eine grandios eigenwillige Pianistin Yuja Wang: Antonio Pappano und das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia setzten im Konzertsaal stürmisch bejubelte Akzente.
07. Mai 2017, 08:26

«Wir bringen Euch Klassik»: Mit diesem Slogan überschreibt Mi­gros-Kulturprozent Classics seine laufende Saison. Und präsentierte am Freitagabend im fast ausverkauften Konzertsaal des KKL ein Konzert, in dem das Publikum nach der letzten Zugabe nicht mehr zu halten war und Bravo rufend aufsprang.

Geschickt, wie Dirigent Sir Antonio Pappano nach dem fein interpretierten «Valse triste» von Jean Sibelius das Orchester mitten in das Ende von Rossinis Ouvertüre zu «Wilhelm Tell» einsteigen liess. Und dieser krönende Abschluss bildete den Kreis zum Beginn, in dem Pappano sein Orchester mit der Ouvertüre zur Oper «Die Belagerung von Korinth» von Rossini vorstellte. Da wurde man in den kurzen Abschnitten mit kleinen Pausen sozusagen mit allen Instrumentalgruppen vertraut gemacht.

Eine Pianistin, die mit dem Orchester spielt

Wie flexibel und traumwandlerisch sicher der grosse Klangkörper agierte, zeigte sich in dem berühmten Klavierkonzert Nr. 1 b-moll von Tschaikowsky. Die grandios eigenwillige Pianistin Yuja Wang ging hier mit dem Orchestra dell’ Accademia Nazionale di Santa Cecilia eine wundersame Symbiose ein. Da wurde die Partnerschaft, die für dieses Konzert notwendig ist, wie Pappano im Interview erwähnte (Ausgabe vom Mittwoch), fantastisch deutlich. Wie Yuja Wang nach den ersten markanten Orchestertakten nicht die erwarteten schlagkräftigen Akkorde spielte, sondern diese in Arpeggien auflöste, versprach Spannung pur. Und die wurde durchweg gehalten.

Yuja Wang setzte Akzente, die man sonst nicht wahrnimmt, sie bezog das Orchester in jede Verzögerung mit ein, sie lauschte intensiv auf die Holzbläser und übertrug die Klänge der einzelnen Instrumente in ihr Spiel. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten schienen unerschöpflich, sie spielte mit Esprit und unglaublichem Charme, dabei auch mit zupackender Kraft. Sie schien die Tasten zu liebkosen und entlockte ihnen impressionistisch-zauberische Farben, dann wieder konterte sie entspannt lächelnd das volle Orchestertutti mit ebensolchem Fortissimo.

Verführung bis hin zur jazzigen «Alla turca»

Die atemberaubende technische Perfektion stand dabei nie im Vordergrund. Wang kostete vielmehr die melancholischen Momente mit grosser Ruhe aus, liess Zeit zum Nachhören, um dann wieder in rhythmisch exzessive Vehemenz zu wechseln.

In ihrem lindgrünen, hauchzarten Abendkleid mit Schleppe wirkte sie verführerisch wie eine Nymphe. Und als ob auch ihr äusseres Erscheinungsbild das Orchester beflügelte, setzte die Flöte zart über den feinen Pizzicati der Streicher im Andante ein, Yuja Wang spann die Melodie sanft weiter, bis glasklar perlende Läufe auf den letzten Satz hinwiesen. Nach dem fulminanten, sich stetig beschleunigenden Schluss und brausendem Beifall bezauberte die Pianistin die Zuhörer mit Franz Liszts Fassung von Schuberts «Gretchen», um dann mit einer virtuos-jazzigen Improvisation über «Alla turca» von Mozart zu überraschen.

Plastische Rom-Impressionen

Wer könnte wohl Otto Respighis «Fontane e Pini di Roma» besser interpretieren als ein Orchester aus Rom? Pappano entführte das Publikum eindringlich in die Welt der plätschernden Brunnen und sich wiegenden, duftenden Pinien. Das erweiterte Orchester mit Celesta, zwei Harfen, Klavier, Glockenklängen und zwitschernden Vogellauten, die irgendwo aus den Höhen des Saales zu kommen schienen, brachte den gebannt lauschenden Zuhörern solche Eindrücke plastisch nahe.

Da entwickelten die Holzbläser schmelzende Melodien, die sie über den seidigen Klang der Streicher setzten, bis sich der wie ein Trauermarsch beginnende letzte Satz zum raumfüllenden Fortissimo mit Orgelbrausen steigerte. Trompeten und Hörner spielten von Balkonen und Orgelempore aus und verdichteten den Eindruck, man sitze inmitten einer riesigen Klangwolke.

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch


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