Feuerwache gegen die Wölfe

DEUTSCHLAND ⋅ In den weiten Wäldern Brandenburgs leben mehr als zwanzig Wolfsrudel. Die Bauern wollen sich gegen die Tiere wehren – zum Schutz von Vieh und Mensch. Mit Mahnwachen weisen sie auf ihre Probleme hin.
18. März 2017, 07:09

Christoph Reichmuth, Leibsch

«(...) Nein, du bist kein Streichelhund, nein, du bist nicht zahm. Doch das ist noch lang kein Grund, dich nicht gern zu hab’n. Jetzt wohn’ wieder wilde Wölfe hier bei uns im Wald; seid willkommen, ihr seid nicht viele, aber bald. (...) Und Rotkäppchens Grossmama hat kein Wolf verschluckt, sei mal ehrlich, die Geschicht’ klingt total verrückt. (...)»

Wolfslied für Kindergärten und Grundschulen des Naturschutzbundes Brandenburg, aus der Reihe: «Rotkäppchen lügt!», zum Mitsingen

Dieses Kinderlied sollte man an diesem Abend hier besser nicht anstimmen. Etwa 50, vielleicht 60 Leute sind gekommen, um bei der Wolfswache dabei zu sein. Mahnwache besorgter Landwirte. Hinter der dicken Wolkendecke schimmert an diesem Freitagabend Anfang März der hell leuchtende Mond durch, das Lagerfeuer lodert, es gibt Würste, Glühwein, Bier. Pfadfinder-Atmosphäre, romantisch, doch Stimmung will nicht recht aufkommen. Eine flache Ebene, der tiefe, dichte Wald erstreckt sich einige hundert Meter weiter entfernt. Er wirkt mystisch, fast bedrohlich in der Dunkelheit. Unterspreewald, eine idyllische, spärlich bevölkerte Region, südöstlich von Berlin gelegen, landwirtschaftlich geprägt. Aus den Wäldern rund um Kleingemeinden wie Leibsch, Neu Schadow oder Schlepzig dringt nachts das Geheul der hungrigen Wölfe.

Immer mehr der Raubtiere, klagen die Bauern hier, wagen sich in die Nähe der Menschen, reissen nachts das weidende Vieh, fressen die Schafe der Landwirte, sorgen bei den Menschen für Unbehagen. «In der DDR, da gab es keine Wölfe. Ich habe ja nichts dagegen, wenn 30 Wölfe in Brandenburg leben», schimpft Erich Dommel, ein 88-jähriger Mann, der sein Leben der Landwirtschaft verschrieben hat. «Aber müssen es 300 oder 400 sein?»

«Es sind zu viele»

Wie viele Wölfe tatsächlich in den Wäldern Brandenburgs leben, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das Landesamt für Umwelt in Potsdam spricht von 21 Wolfsrudeln, ungefähr 140 Tiere vielleicht. Die Bauern in Unterspreewald und anderen Regionen des Bundeslandes halten diese Zahl für deutlich zu niedrig. Allein in Brandenburg sollen sich 200, vielleicht bis zu 300 Wölfe in den in weiten Teilen unberührten Wäldern aufhalten. «Es sind zu viele», sagt Frank Michelchen, Wolfsbeauftragter des Brandenburger Bauernbundes.

Es ist 17 Uhr, zwei Stunden noch bis zum Beginn der von ihm ins Leben gerufenen Wolfswache. Der 50-jährige Bio-Landwirt führt stolz an seiner 106 Hektaren grossen landwirtschaftlichen Fläche vorbei, 45 Mutterkühe und etliche Kälber weiden darauf. Um das Gelände spannen sich bis auf eine Höhe von 1,20 Meter fünf elektrisch geladene Drähte. Nachdem ein Wolf vor wenigen Monaten eines seiner Tiere gerissen hat, investierte Michelchen mehrere tausend Euro in den Elektrozaun, seither registriert er durch seine an einem Baum festgezurrte Nachtkamera nachts umherstreunende Wölfe, seine Tiere innerhalb des Geheges aber sind geschützt. «Wir müssen jene Wölfe schiessen, die verlernt haben, dass sie in der Nähe von Mensch und Vieh nichts zu suchen haben», sagt der studierte Agraringenieur. Die Bauern in der Region wählten ihn im November letzten Jahres zum Wolfsbeauftragten, damit die Bauern in der Landeshauptstadt Potsdam endlich eine Stimme bekommen.

Doch der Wolf ist vor Abschuss geschützt, nicht nur in Deutschland, europaweit. Seit ungefähr zehn Jahren leben wieder Wölfe in Deutschland, früher, in der ehemaligen DDR, wurden die wilden Vierbeiner konsequent abgeschossen. Vor allem im Osten Deutschlands haben sich die Raubtiere angesiedelt, die von Polen, Tschechien, manche von Weissrussland und der Ukraine her den Weg in die Brandenburger Wälder gefunden haben.

Beim unabhängigen Naturschutzbund (Nabu) freut man sich über die Rückkehr des Wolfes. Damwild, Rehe, Wildschweine – Futter finde der Wolf in den weiten Wäldern Brandenburgs genug, sagt Nabu-Geschäftsführerin Christiane Schröder. «Nutztiere machen weniger als ein Prozent der Beute aus», sagt sie. Wölfe, die entlang von Herden ziehen, die nachts sogar durch Gemeinden streifen, seien keine Gefahr. Der Wunsch, die Wolfspopulation durch Abschuss pauschal zu reduzieren, könne auch nicht im Sinne der Landwirte sein: «Ein toter Wolf kann sein Wissen seinem Rudel nicht mehr weitergeben. Wenn Wölfe, die Tiere reissen oder die Scheu vor den Menschen verlieren, etwa mit Gummigeschossen, Schutzhunden und Elektrozäunen zurückgehalten werden, werden die Tiere daraus lernen und nicht mehr zurückkehren. Erst bei wiederholten Übergriffen wären dann gezielt die verursachenden Wölfe zu entnehmen.» Die Wolfswache der Brandenburger Bauern hält sie für wenig hilfreich. Sie spricht von «übertriebener Stimmungsmache» und legt den Bauern nahe, besser in den Dialog mit den Behörden zu treten.

Wolf bleibt ein Wildtier

Beim Landesamt für Umwelt in Potsdam kennt man die Sorgen der Landwirte im Unterspreewald. Die Wölfe seien erst seit wenigen Jahren in der Region, «es fehlt vielen Tierhaltern hier noch an Erfahrung mit den Wölfen», sagt Behördensprecher Thomas Frey. Dass Teile der Bevölkerung wegen der Wölfe die Sicherheit ihrer Kinder bedroht sehen, kann Frey nachvollziehen. Im brandenburgischen Rathenow etwa wagte sich ein Wolf auf wenige Meter an einen Kindergarten heran, die Menschen in der Region waren in grosser Sorge. «Es gab unerwünschtes Verhalten von Wölfen, aber wirklich gefährliche Begegnungen haben wir bislang nicht registriert.» Problematisch seien Menschen, die die Neugierde der Wölfe ausnutzen, die Tiere füttern und so an Siedlungsgebiete heranführen. «Das ist gefährlich, wir können die Menschen nur vor einem solchen Verhalten warnen. Der Wolf ist und bleibt ein Wildtier.» Frey möchte sich zur Forderung vieler Bauern, den Wolfsbestand durch Abschuss zu regulieren, nicht äussern. Seine Behörde habe eine wissenschaftliche und beratende Funktion und würde Geschädigte, deren Tiere nachweislich vom Wolf getötet wurden, finanziell entschädigen. «Alle anderen Überlegungen sind Sache der Politik.»

Es ist später Abend, viele Bauern haben sich auf die Heimreise gemacht, die Temperaturen sind an diesem Märzabend noch zu tief, um lange im Freien durchzuhalten. Frank Michelchen hat für seine Ansprache von den Bauern viel Applaus bekommen. Er hat versprochen, dass er sich in Potsdam für die Anliegen der Bauern einsetzen wird. «Die Behörden müssen endlich deutlich machen, wo sie die Grenze des Wolfsbestandes sehen», sagt Gregor Beyer vom Forum Natur Brandenburg. Er ist extra aus dem 80 Kilometer entfernten Potsdam nach Leibsch im Unterspreewald gereist.

Unheimliches Wolfsgeheul

Diese Grenze, so denken die Landwirte hier, ist erreicht, für manche längst überschritten. Bauer und Jäger Ronny Lehmann hört dem Gespräch zu, sagt dann: «Ihr Schweizer müsst höllisch aufpassen, dass sich der Wolf bei euch nicht so ausbreitet wie bei uns.» Seine siebenjährige Tochter Henriette berichtet von unheimlichem Wolfsgeheul, das aus den Wäldern dringt und sie abends nicht einschlafen lässt. Mutter Kristin legt ihren Arm um die kleine Tochter: «Die Raubtiere sind 200 Meter von unserem Hof entfernt. Ich sorge mich auch um die Sicherheit meiner Kinder.» Rony Lehmann fügt hinzu: «Der Wolf muss riechen, dass die Luft bleihaltig ist.»

«Märchen haben nicht immer recht, sie sind ziemlich alt. Denn die Wölfe warn’ nie schlecht, wild, das sind sie halt», singen sie im Kinderlied des Naturschutzbundes. Vor allem die letzte Strophe des Songs finden die Bauern in Unterspreewald wenig amüsant. Wunderbare Wesen wanderten von Ost nach West, dichteten die Naturschützer. «Und es werden mehr, wenn du sie lässt.»

www. Mehr Bilder von der Wolfs-Feuerwache finden Sie auf luzernerzeitung.ch/bilder
  • Die Wolfswache fand zum zweiten Mal in den Wäldern von Brandenburg, Deutschland, statt. (© Rudi-Renoir Appoldt)
  • Die Bauern wollen sich gegen die Tiere wehren. Rund 60 Personen sind bei der Wolfswache in den Wäldern von Brandenburg dabei. (© Rudi-Renoir Appoldt)
  • Mit den Mahnwachen wollen die Bauern auf die Probleme hinweisen. (© Rudi-Renoir Appoldt)

In Deutschland treffen sich Bauern zur Feuerwache gegen die rund 20 Wolfsrudel, die in den Wäldern Brandenburgs leben.

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