Bischof Huonders Churer Herrschaft ist noch nicht abgelaufen

NACHFOLGEREGELUNG ⋅ Äusserungen von Nuntius Thomas E. Gullickson sind als Absage an die Einsetzung eines apostolischen Administrators zu deuten. Und als Zeichen für eine definitive Lösung, die im kommenden Jahr umgesetzt wird. Einfach wird sie nicht zu haben sein.
21. April 2017, 08:07

Heute ist ein Feiertag. Der Churer Bischof Vitus Huonder begeht seinen 75. Geburtstag. Der Tag hat eine persönliche Dimension für den hohen Kirchenmann, aber auch eine politische für das Kirchenvolk. Denn das kanonische Recht sieht vor, dass dem Papst zu diesem Zeitpunkt der Rücktritt anzubieten ist.

Anbieten ist das eine, annehmen das andere – und neu einsetzen das dritte. Just an diesem Punkt scheiden sich angesichts des umstrittenen Huonder’schen Wirkens im Bistum die Geister. Von der Allianz «Es reicht!» über die Biberbrugger Konferenz, der Vereinigung der Kantonalkirchen des Bistums Chur (GR, GL, NW, OW, UR, SZ, ZH) bis zu lokalen Regungen in der Diözese: Die Sorge über die Nachfolgeregelung ist gross. Ausmündend in den Wunsch, das Churer Dom­kapitel solle nicht direkt einen Huonder-Nachfolger bestellen. Vielmehr möge ein apostolischer Administrator eingesetzt werden, der das Bistum befriede und neues Vertrauen schaffe.

Doch dafür hatte der päpstliche Gesandte in Bern, Thomas E. Gullickson, bisher kein Gehör. Für ihn, der dem Wahlgremium gemäss dem päpstlichen Dekret «Etsi salva» eine dem Vatikan genehme Dreierliste unterbreiten wird, ist der Gedanke eines gespaltenen Bistums und Domkapitels «vom Bösen», wie er dem Generalvikar der Urschweiz, Martin Kopp, eröffnete. Jedenfalls hat der Nuntius offensichtlich andere Vorstellungen. Zwar mag er Fragen darüber im Detail nicht beantworten, sagt auf Anfrage aber immerhin: «Wenn alles gut geht, können wir auf eine Ernennung im Jahr 2018 hoffen.»

Die Interpretation dieser Aussage lässt für die Huonder-Kritiker nur einen Schluss zu. «Falls der Nuntius tatsächlich die Zukunft voraussagen und sich bereits heute zu den Ergebnissen und zum zeitlichen Horizont einer allfälligen Bischofswahl äussern kann, gehe ich davon aus, dass Vitus Huonder so lange im Amt bleiben wird», sagt Jacqueline Keune von der Allianz «Es reicht!». Die prominent besetzte und breit aufgestellte Bewegung hat im vergangenen Jahr eine Petition lanciert, die sich für einen «Neuanfang im Bistum Chur» ausspricht.

Ähnlich wie Keune beurteilt der ehemalige Schwyzer Regierungsrat Werner Inderbitzin von der Biberbrugger Konferenz die Situation: «Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Huonder im Amt bleibt, bis der Nachfolger gewählt ist», sagt er. Es sei bekannt, dass der Nuntius von der Ernennung eines apostolischen Administrators nichts halte. Denn mit einer solchen Ernennung würde die Kurie zugeben müssen, dass im Bistum Chur einiges im Argen liege, führt Inderbitzin aus.

Auch wenn die Chance sehr klein ist, dass die Huonder-Kritiker mit ihrem Vorschlag, einen apostolischen Administrator einzusetzen, durchdringen werden: Es gibt gleichwohl Anzeichen, dass die Botschaften aus dem Bistum beim päpstlichen Gesandten in Bern angekommen sind. Jedenfalls hat Nuntius Gullickson verschiedene Gruppen aufgefordert, Kandidaten für die Nachfolge im Bistum Chur zu melden. Ebenso gab es Aussprachen, bei denen die Kritiker vom Nuntius gehört wurden. Ganz abgesehen davon, dass es ganze Konvolute von besorgten Briefen gibt, die den Weg direkt nach Rom fanden.

Wichtig ist dies deshalb, weil dem Nuntius als päpstlichem Gesandten bei der Zusammenstellung der Dreierliste zuhanden des Domkapitels eine entscheidende Rolle zukommt. Mitglieder der Kantonalkirchen würden Gullickson vor diesem Hintergrund «geeignete Kandidaten, versehen mit den entsprechenden Begründungen», melden, sagt Inderbitzin.

Zum Beispiel um einen möglichen Weihbischof Martin Grichting, hierarchisch und ideologisch zweiter Mann hinter Huonder im Bistum Chur, zu verhindern. Auf dass ein «neuer und neu machender Hirte von Chur» gewählt werden kann, wie die Allianz «Es reicht!» hofft. So wie Generalvikar Kopp, der auf Papst Franziskus baut: «Er ist zum Glück ein Mann, der gute Gedanken von teuflischen zu unterscheiden vermag», sagt er an die Adresse des Nuntius.

Balz Bruder


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