Huonder mahnt zu politischer Zurückhaltung

KATHOLISCHE KIRCHE ⋅ Einige Amtsträger hätten viele Gläubige brüskiert und die Kirche für tagespolitische Anliegen missbraucht, sagt der Churer Bischof Vitus Huonder. Das Bistum Basel widerspricht. Es hält wenig von politischer Enthaltsamkeit.
23. Mai 2017, 12:15

Kari Kälin

kari.kaelin@luzernerzeitung.ch

Ein prominentes Beispiel ist Natalie Rickli. Die Zürcher SVP-Nationalrätin trat im letzten Jahr aus der katholischen Kirche aus, weil Charles Mattig, der Direktor des katholischen Medienzentrums, deren Kritik am Service public der SRG als zerstörerisch und «nicht sehr katholisch» gegeisselt hatte. Das Bistum Chur solidarisierte sich mit Rickli. «Jesus Christus hat nie etwas zur SRG gesagt», liess Sprecher Giuseppe Gracia verlauten.

Nun legt das Bistum Chur nach. In einem Schreiben an alle Mitarbeiter, in dem Vitus Huonder seine Schwerpunkte für seine zwei verbleibenden Jahre als Bischof erläutert, kritisiert er unter anderem eine zu starke Einmischung von Klerikern in die Politik. «Es brüskiert viele Gläubige, wenn sie von amtlichen Vertretern der Kirche als nicht ganz katholisch, irgendwie unmoralisch oder egoistisch hingestellt werden, nur weil sie zu bestimmten politischen Optionen andere Ansichten haben», so Huonder. Für den Churer Bischof ist klar: Kirchenvertreter sollen öffentlich zu Fragen Stellung beziehen, in denen es um zentrale Glaubensinhalte geht, etwa den Schutz des Lebens oder der Menschenwürde. Wie bei der Frage zur Fristenlösung oder Sterbehilfe.


Kirchenaustritte wegen politischer Äusserungen

Huonder stellt fest, dass in den letzten Jahren viele Gläubige aus der Amtskirche ausgetreten seien, weil kirchliche Amtsträger die Kirche für tagespolitische Anliegen missbraucht hätten. In der Tat eckten in der Vergangenheit katholische Würdenträger mit Stellungnahmen immer wieder an, tendenziell bei Gläubigen aus dem politisch rechten Spektrum.

Peter Henrici, emeritierter Weihbischof von Chur, erklärte zum Beispiel einst, ein guter Christ könne nicht SVP wählen. Für Aufsehen sorgte auch regelmässig der ehemalige Einsiedler Abt Martin Werlen, der sich etwa gegen Verschärfungen des Asylrechts oder die Liberalisierung der Tankstellen-Shops einsetzte. Vor der Abstimmung über die Energiewende outete sich Felix Gmür, der Bischof des Bistums Basel, als Befürworter, weil ein Ja dem Erhalt der Schöpfung diene.

Vitus Huonder sind solche Einmischungen ein Dorn im Auge. Es gebe eine sehr grosse Zahl von Fragen, zu denen man als Christ getrost und mit vernünftigen Argumenten dieser oder jener Meinung sein könne. «Wie man eine gerechte Gesellschaft schafft, wie man mit der Energie und den verschiedenen Formen ihrer Erzeugung richtig umgeht, wie man die Natur effektiv schützt, wie man die wirtschaftlichen Lasten so verteilt, dass niemand verarmt, aber auch der Leistungswille des einzelnen nicht frustriert wird: Hier gibt es einen legitimen Pluralismus und gute Gründe für diese oder jene parteipolitische Haltung.»

Hansruedi Huber, Sprecher des Bistums Basel, weist den Vorwurf, die Kirche mische sich zu stark in politische Tagesfragen ein, zurück. «Die katholische Kirche muss ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und soll sich zum Beispiel zu Umweltthemen oder Fragen der sozialen Gerechtigkeit äussern», sagt er. «Nicht nur Papst Franziskus tut dies, sondern auch alle anderen Päpste», ergänzt er.

Besonders in Erinnerung bleibe Johannes Paul II., der im damaligen Ost-West-Konflikt durch sein Engagement zum Fall der Mauer beigetragen habe. «Unsere Interventionen, die übrigens immer auf Anfrage stattfinden, bewegen sich sprichwörtlich auf ‹hoher Flughöhe› und nicht in der Tagespolitik», ergänzt Huber. Kurzum: Bei den Seelsorgern des Bistums Basel, inklusive Bischof Gmür, dürfte Huonders Appell nach politischer Quasienthaltsamkeit ins Leere zielen.

Anfang März hat Papst Franziskus die Amtszeit des 75-jährigen Huonder um zwei Jahre verlängert (wir berichteten). Neben dem Thema Kirche und Politik hat er weitere Schwerpunkte für die Seelsorge definiert. So will er neue Standards für den Ehevorbereitungskurs ausarbeiten mit dem Ziel, Scheidungen zu verhindern. Aufs Tapet bringt der Churer Oberhirte sodann nochmals die Frage, ob die Gründung eines Bistums Zürich opportun wäre. Schliesslich erteilt er der «Gender-Ideologie» eine krachende Absage. Gender betrachtet die Unterschiede von Mann und Frau als soziale Konstruktion.

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