Zigarette könnte Millionen kosten

SCHATTDORF ⋅ Der Brand der Halle Stille Reuss vom Oktober 2012 ist weiterhin ungeklärt. Für die Staatsanwaltschaft ist der Schuldige längst gefunden: Ein Portugiese soll Zigaretten unsachgemäss entsorgt haben. Der jedoch beteuert seine Unschuld.
08. Februar 2017, 20:37

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

Mehr als vier Jahre ist es nun her, dass die Halle Stille Reuss in Schattdorf einem Feuer zum Opfer fiel. Seither beschäftigt der Vollbrand die Urner Justiz. Vor zwei Jahren war das Landgerichtsvizepräsidium zur Überzeugung gekommen, dass ein Portugiese den Brand fahrlässig verursacht haben soll. Dies weil er die Aschenbecher in seinem Lokal im Obergeschoss der Halle in einen Plastikeimer geleert hätte und die Zigarettenstummel sich daraufhin entzündet hätten.

Das Landgericht verurteilte den heute 37-Jährigen am 13. Januar 2015 wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 60 Franken. Zudem verpflichtete das Landgericht den Mann, die Gerichtskosten von 8500 Franken zu tragen. Happiger fielen hingegen die Zivilforderungen aus. So muss der Portugiese gemäss Landgerichtsurteil zwei Versicherungen über 37500 Franken bezahlen, die Forderungen von 1,9 Millionen Franken wurden auf den Zivilweg verwiesen.

Gegen dieses Urteil hat der Beschuldigte Berufung eingelegt, weshalb sich gestern das Obergericht mit dem Fall beschäftigen musste. Dabei beteuerte der Portugiese erneut seine Unschuld. Er habe immer ein wenig Wasser in die Aschenbecher getan, bevor er sie im Eimer entleerte. So auch am Abend, bevor es zum verheerenden Brand gekommen war. Gelernt habe er das schon als Kind, als seine Eltern in Portugal eine Bar geführt hatten.

Sein Verteidiger bezeichnete das Urteil der Vorinstanz als willkürlich. So hätten die Ermittlungen und auch das Gutachten des Forensischen Instituts Zürich (FOR) drei mögliche Ursachen ergeben, die zum Brand geführt haben könnten: unsachgemäss entsorgte Raucherwaren, Fehler in der Elektrik oder vorsätzliche Brandstiftung.

Ohne Brandbeschleuniger nicht möglich

Es gebe viele Anhaltspunkte, die dagegen sprechen würden, dass tatsächlich Zigarettenstummel den Brand ausgelöst hätten, sagte der Verteidiger. Dabei nannte er beispielsweise die Tatsache, dass sein Mandant jeweils Wasser in die Aschenbecher geleert habe. Ausserdem sei die Version schon rein zeitlich gar nicht möglich. Der Portugiese habe das Lokal um Mitternacht verlassen, ohne etwas festgestellt zu haben. 20 Minuten später sei die Halle schon lichterloh in Flammen gestanden. «Ohne Brandbeschleuniger ist das in dieser kurzen Zeit gar nicht möglich», so der Verteidiger. Stattdessen gebe es auch Indizien, die für eine andere Brandursache sprechen würden. So habe der Besitzer der Halle einen Schlüssel zum Lokal und damit auch zum Raucherraum gehabt. Brandstiftung sei deshalb ebenfalls möglich. Genauso wie ein elektrischer Fehler. Schliesslich habe der Besitzer der Halle kurz vorher elektrische Installationen getätigt, ohne fachmännische Unterstützung beizuziehen.

Dass bei so vielen Möglichkeiten ausgerechnet sein Mandant, der am meisten Geschädigte in der Sache, nun als «Sündenbock» herhalten müsse, sei nicht rechtens. Der Verteidiger beantragte deshalb einen Freispruch nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten».

«Drohender Ruin darf keinen Einfluss haben»

Staatsanwältin Isabelle Gisler hingegen findet eine Verurteilung gerechtfertigt. Sie habe zwar Verständnis dafür, dass der Beschuldigte den finanziellen Schaden abwenden möchte. «Sein drohender Ruin darf jedoch keinen Einfluss auf die Urteilsfindung haben.» Vielmehr müsse man die Aussage des Beschuldigten, er habe jeweils Wasser in die Aschenbecher getan, mit Vorsicht geniessen. Dies sei nämlich viel mehr Ausdruck für seine Verzweiflung denn für die Wahrheit. Schliesslich habe der 39-Jährige die Version erst bei der dritten Befragung eingebracht, nachdem ihm bewusst gewesen sei, was die finanziellen Folgen seines Tuns sein könnten. «Es handelt sich also um ein Paradebeispiel einer Schutzbehauptung», so Gisler.

Von den möglichen Brandursachen sei diejenige der glimmenden Zigaretten die wahrscheinlichste, das habe auch das FOR gezeigt. Schliesslich seien keine Spuren von Brandbeschleunigern oder elektrischen Defekten gefunden worden und auch keine Motive für eine Brandstiftung. Ausserdem würden bei einem Indizienprozess abstrakte und theoretische Zweifel nicht ausreichen für einen Freispruch im Zweifel für den Angeklagten, so Gisler. Der Portugiese sei schuldig zu sprechen.

Finanzielle Verhältnisse bleiben im Dunkeln

Für die Strafzumessung und die Frage, ob die Kosten der Verteidigung der Staatskasse auferlegt werden müssen, wollte das Obergericht die wirtschaftlichen Verhältnisse des Portugiesen prüfen. Das erwies sich jedoch als schwierig, da der Beschuldigte die nötigen Unterlagen nicht liefern wollte. So zog Gisler eine Steuereinschätzung des Beschuldigten aus dem Jahr 2011 bei. Sie fordert eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 80 Franken, also mehr, als das Landgericht Uri vor zwei Jahren gesprochen hatte. Dies, da der Portugiese inzwischen erneut straffällig geworden war und zwei Strafbefehle als Zusatzstrafe hinzugerechnet werden. Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.

  • Die Flammen loderten mehrere Meter hoch.  (© Leserreporter)
  • Für den Einsatzleiter und seine Männer war es ein heikler Einsatz: Da die Gewerbehalle ein Metalldach hat und die Wände mit Eternit isoliert sind, war das Feuer eingeschlossen und es entwickelte sich enorm viel Rauch. (© Kantonspolizei Uri)
  • Deshalb wurde die Bevölkerung via Radio aufgefordert, die Fenster zu schliessen.  (© Kantonspolizei Uri)

In Schattdorf ist die Gewerbehalle «Stille Reuss» vollständig ausgebrannt. 100 Feuerwehrleute aus Schattdorf und Altdorf standen im Einsatz.


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