Viele Schweizer Randregionen blicken in eine ungewisse Zukunft – Sedrun und Andermatt zeigen Alternativen über Kantonsgrenzen hinweg auf

«Wir müssen an unsere Kinder denken»

Sedrun und Andermatt stehen exemplarisch für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, vor denen viele Randregionen in der Schweiz stehen. Viele Personen verlassen deshalb ihre Heimat.
26. Juni 2012, 00:00
Neue Zürcher Zeitung

Von Jenni Thier und Matthias Müller

Von seinem Bürostuhl aus hat Pancrazi Berther alles Wesentliche im Blick. Wenn der Sedruner Gemeindepräsident aus dem Fenster Richtung Süden schaut, blickt er direkt auf die Neat-Baustelle. Sieht er dagegen aus dem Fenster gen Westen, bietet sich ihm das beeindruckende Panorama der Bergketten rund um den Oberalppass. Dort oben liegt für Berther die Zukunft seiner Gemeinde, denn hier soll sie entstehen – die Verbindung der Skigebiete Sedrun und Andermatt.

Urnengang steht bevor

Obwohl es bereits Mitte Juni ist, liegt auf dem Oberalppass noch Schnee. Es sind die Überreste harter Winterwochen. Die Region habe mit insgesamt acht Metern Neuschnee zu kämpfen gehabt, erzählt Berther. Die Matterhorn-Gotthard-Bahn habe an 28 Tagen nicht den Oberalppass passieren und damit Andermatt im Kanton Uri sowie Sedrun im Kanton Graubünden verbinden können. Da im Winter auch die Passstrasse gesperrt ist, war Sedrun talaufwärts abgeschnitten und damit einer wichtigen Einnahmequelle beraubt: des Tourismus. Während Andermatt über Göschenen problemlos zu erreichen war, taten sich nur wenige Touristen die lange Anfahrt über Chur nach Sedrun an. Es wird der Tourismus sein, da ist sich Berther sicher, der künftig über das Schicksal seiner Gemeinde und das der ganzen Region entscheiden wird.

Die Geschichte von Sedrun haben bisher zwei einschneidende Veränderungen bestimmt. Bis in die sechziger Jahre lebte die Bevölkerung von der Landwirtschaft. Dann folgte der Bau von Stauseen, die Einnahmen aus Wasserkraftwerken ermöglichten Investitionen in Infrastruktur und Wintertourismus. Seit dem Beginn des Baus der Neat 1995 prägt der «Zwischenangriff Sedrun» das Bild des Ortes. Viele Arbeiter sind deshalb zugezogen. Berther schätzt, dass es rund dreihundert sind, die derzeit neben den fast 1700 Einheimischen in der Gemeinde leben. Doch spätestens wenn die Baustelle in wenigen Jahren endgültig geschlossen sein wird, wenn die letzten Arbeiter ihre Koffer gepackt und den Ort verlassen haben werden, steht Sedrun vor einer gewaltigen Herausforderung.

(© NZZ) Zoom

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Die Frage nach der Zukunft treibt derzeit viele Bürger in Sedrun vor der Volksabstimmung am 1. Juli um. Vordergründig geht es darum, ob das Stimmvolk dem Übernahmeangebot des ägyptischen Investors Samih Sawiris vom März dieses Jahres für die Sedruner Bergbahnen, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiern, zustimmen werden. Der Urnengang ist notwendig, weil die Gemeinde Mehrheitsaktionärin ist. Allgemein wird das Angebot von Sawiris als fair bezeichnet. Die Aktionäre der Sedruner Bergbahnen haben die Möglichkeit, zwischen drei Alternativen zu wählen. Sie können ihre Papiere in Aktien der Andermatt-Surselva Sport AG (ASS) umtauschen, ihr Aktienpaket verkaufen oder Aktionär der Sedruner Bergbahnen bleiben.

Jenseits dieser auf den ersten Blick technisch anmutenden Frage an das Stimmvolk und die Aktionäre geht es aber um mehr. Akzeptieren die Bürger das Angebot, steht dem Zusammenschluss der Sedruner und Andermatter Bergbahnen unter dem Dach der ASS nichts mehr im Weg. Dies gilt als Voraussetzung, um bis 2015 in einer ersten Etappe die beiden bisher getrennten Skigebiete durch Investitionen von 130 Mio. Fr. zu verbinden und aufzuwerten. Mit der Skiarena Andermatt-Sedrun könnte die Region eine Perspektive erhalten. Wenn sich das rechnen sollte, wären in einer zweiten Etappe weitere Investitionen von mehr als 80 Mio. Fr. geplant. Eine Sedrunerin brachte es während einer Informationsveranstaltung über das Sawiris-Angebot auf den Punkt. Sie denke an die Kinder der Region, deshalb unterstütze sie das Vorhaben.

Nach den Worten des Direktors der Sedrun Bergbahnen, Silvio Schmid, spielen die beiden Gemeinden in einer anderen Liga, wenn der Zusammenschluss der Skigebiete gelingt. Im Werben um Touristen sind neben der Erreichbarkeit die Grösse des Skigebiets und die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade der Pisten entscheidende Faktoren. All dies wäre künftig gewährleistet, weil es am Gemsstock anspruchsvolle Abfahrten gibt, während das Gebiet zwischen Nätschen und Sedrun für Familien geeignet ist. Auch das könnte Gäste aus Zürich, Luzern oder Mailand nach Sedrun locken, was bis jetzt eher die Ausnahme denn die Regel ist, weil die Gemeinde im Winter oft nur schwer zu erreichen ist.

Die Sedruner und Andermatter blicken bei ihrer Suche nach neuen Gästen über die Landesgrenzen hinaus. Kommt das Ja, dann könnte das schwedische Unternehmen Skistar als Betreiber für die neue Skiarena gewonnen werden. Die Skandinavier hätten viel Erfahrung auf diesem Gebiet und würden neben viel Know-how auch skandinavische Gäste mitbringen, so das Kalkül der Beteiligten. Sedrun und Andermatt setzen also vor allem auf europäische Gäste.

Die ungewisse Zukunft, vor der Sedrun und Andermatt stehen, ist exemplarisch für viele Schweizer Randregionen. Industrieansiedlungen sind die Ausnahme, da die Bergregionen oft nur schwer zu erschliessen sind. In den vergangenen Jahren haben viele Familien aufgrund fehlender Perspektiven diesen Gebieten den Rücken gekehrt – oft auf Nimmerwiedersehen. Gemeindepräsident Berther, der auch eine Schreinerei betreibt, kann ein Lied davon singen. Seine grösste Sorge sei, Fachpersonal zu finden.

Ins Hintertreffen geraten

Vor ähnlichen Problemen steht das Bauunternehmen Loretz, das in Sedrun domiziliert ist. Während in dem Betrieb rund 60% Einheimische sind, kommen die restlichen Mitarbeiter von Frühling bis November vor allem aus Portugal. In anderen Handwerksbetrieben der Region stammen sogar bis zu 80% der Angestellten aus dem Ausland. Guido Friberg gehört der Geschäftsleitung von Loretz an und hat mit seiner Frau in einer E-Mail an die Sedruner für eine Annahme des Angebots von Sawiris geworben. Friberg glaubt an das Projekt und die Chancen. Wenn die Wirtschaft erstarkte, hätten die Einheimischen wieder eine Perspektive und müssten die Region nicht verlassen. Er selbst kehrte nach dem Studium in Chur und Zürich gegen den Trend in seine Heimat zurück. Während die Randregionen also mangels Zukunftsperspektiven immer mehr ausbluten, platzen die Städte oft aus allen Nähten – überfüllte Züge, vollgestopfte Strassen und steigende Mieten sowie Immobilienpreise sind ein Indiz für diese Entwicklung.

Auch wenn der Tourismus zunehmend in den Fokus vieler Regionen gerät – dieser Weg wird nicht nur aufgrund des starken Frankens steinig und beschwerlich werden. Die Konkurrenz im nahen europäischen Ausland hat nicht geschlafen. Investitionen in die Infrastruktur der Skigebiete haben die Regionen in Österreich, Südtirol oder Frankreich enorm aufgewertet. Hinzu kommt neben dem dort freundlichen und zuvorkommenden Servicepersonal oft auch ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das vielen Verantwortlichen in den Schweizer Tourismusregionen den Angstschweiss auf die Stirn treibt.

Dennoch will nun Bern im Rahmen der neuen Regionalpolitik den Randregionen in Form von A-fonds-perdu-Beiträgen und zinslosen Darlehen finanziell unter die Arme greifen. Auf diese Gelder baut auch das Projekt in Andermatt und Sedrun. In einem Gutachten der Hochschule Luzern heisst es, die Pläne zur Erneuerung und zum Ausbau des Skigebiets seien ohne die finanzielle Hilfe der öffentlichen Hand nicht wirtschaftlich. Aus Sicht des Steuerzahlers stellen sich damit jedoch mehrere Fragen. Wird dadurch nicht ein Präzedenzfall für weitere finanzielle Engagements des Fiskus geschaffen? Besteht nicht die Gefahr, dass die öffentliche Hand bei einem Misserfolg des Geschäftsmodells zusätzliche finanzielle Mittel in die Skiarena Andermatt-Sedrun zuschiessen wird? Doch nicht nur die Hochschule Luzern äussert sich optimistisch zu den Chancen des Projekts – allerdings unter der Voraussetzung, dass abseits der Skipisten noch viel Geld in die Infrastruktur investiert wird.

Für diese Investitionen soll Samih Sawiris sorgen. Der ägyptische Unternehmer lässt derzeit in Andermatt ein Ferien-Resort gigantischen Ausmasses bauen. Neben dem Luxushotel The Chedi umfasst sein Projekt eine Art Kleinstadt – auch «Neu Andermatt» genannt –, die auf ehemaligem Militärgelände gebaut wird. Hier sollen Ferienhäuser, ein weiteres Hotel mit einem grossen Konzertsaal und eine kleine Einkaufsstrasse entstehen.

Das Ganze steht auf einem Podium, einer Betonplatte, unter deren Oberfläche sich Parkplätze verbergen. Auch ein 18-Loch-Golfplatz gehört zum neuen Resort. Um den Zugang zum Skigebiet zu erleichtern, will Sawiris zudem die Talstation Nätschen direkt an den Bahnhof versetzen lassen. In Sedrun und Andermatt ist man sich einig, dass das gesamte Projekt der neuen gemeinsamen Skiarena ohne einen externen Investor wie Sawiris kaum möglich sei. Für den Sedruner Gemeindepräsidenten Berther steht zudem fest, dass ohne die Investitionen von Sawiris keine öffentlichen Gelder fliessen würden. Und sein Amtskollege aus Andermatt, Roger Nager, betont, dank Sawiris nehme die Öffentlichkeit die Region wieder positiv wahr. Nager ist überzeugt, es habe einen Auswärtigen gebraucht, der auch den Einheimischen die Stärken und Schwächen von Andermatt vor Augen geführt habe.

Den Rückhalt der Bürger habe Sawiris mit seinem Resort von Anfang an gehabt, erzählt Nager. So bewilligten die Andermatter 2007 mit 96% Ja-Stimmen den Teilzonenplan. Auch dass Sawiris kürzlich einen dreistelligen Millionenbetrag aus seinem Privatvermögen in das Projekt investiert habe, da seine ägyptische Firma Orascom durch die Turbulenzen in der Heimat Probleme bekommen habe, zeige seine Verbundenheit und seine hehren Absichten. Die Bürger Andermatts hätten verstanden, dass die bestehenden Hotels und Restaurants durch das Resort aufgewertet würden, ist sich Nager sicher. Denn für Touristen, die durch das vergrösserte Skigebiet und die Freizeitmöglichkeiten angezogen würden, aber sich die neuen und hochpreisigen Übernachtungsmöglichkeiten nicht leisten wollten, seien die vorhandenen Hotels und Wohnungen attraktiv.

Hoffen auf das Ja

Am 1. Juli blicken alle Beteiligten nach Sedrun. Ihnen ist klar, dass das Resort ohne ein attraktives Skigebiet nicht bestehen kann. Stimmten die Sedruner gegen das Übernahmeangebot von Sawiris' ASS, wäre nicht nur die Fusion der Bergbahnen geplatzt. Das Ergebnis würde einen herben Rückschlag für das Resort in Andermatt bedeuten. Ohne ein grosses Skigebiet dürfte es der Andermatt Swiss Alps, die eine Tochtergesellschaft von Orascom ist und das Resort betreibt, schwerfallen, weitere Käufer für die geplanten Häuser und Wohnungen zu finden. Schon jetzt herrscht eine gewisse Unsicherheit wegen der im März angenommenen Zweitwohnungsinitiative. Auch die Hotelbetten könnten dann kalt bleiben. All diese Punkte mögen Sawiris veranlasst haben, sich für die Zusammenlegung der Skigebiete finanziell einzusetzen. Ohne Sawiris' Megaprojekt blieben jedoch die Gäste aus, die es braucht, um die Skiarena auf Dauer rentabel zu betreiben. Deren Attraktivität und die neugeschaffenen Betten sind für den Erfolg und für die Zukunft der Region elementar.

Unklare Folgen der Zweitwohnungsinitiative

Mue. Die am 11. März angenommene Zweitwohnungsinitiative hat nicht nur in Andermatt für wenig Begeisterung gesorgt. Er sei schockiert gewesen, sagt der Gemeindepräsident von Andermatt, Roger Nager. Doch dieser vorübergehende Schockzustand ist inzwischen Optimismus gewichen. Nicht nur bei Nager herrscht nun wieder Zuversicht, dass sich die angenommene Zweitwohnungsinitiative nicht negativ auf das Projekt Andermatt Swiss Alps (ASA) des ägyptischen Investors Samih Sawiris auswirken wird.

Der ASA-Delegierte Gérard Jenni sagte jüngst bei einer Veranstaltung in Sedrun, die Folgen der Zweitwohnungsinitiative seien noch nicht abschliessend bekannt, weil die Umsetzung nicht in allen Teilen klar sei. Doch das Resort von Sawiris habe eine vollständige Baubewilligung im Rahmen der Quartiergestaltungspläne erhalten. Diese nehmen also die einzelnen Baubewilligungen vorweg. Vor diesem Hintergrund zweifle er nicht daran, dass das Vorhaben in Andermatt umgesetzt werde, ergänzte Jenni.

Doch es gibt auch andere Stimmen, die die möglichen Folgen der Zweitwohnungsinitiative für das Andermatter Resort weitaus kritischer sehen. Entscheidend sei auch für Sawiris die Baubewilligung, heisst es immer wieder. Das ficht Nager jedoch nicht an. Er setzt bei allen Unwägbarkeiten auf die Kompromissfähigkeit der Schweizer. Zudem seien erst jüngst vier Mehrfamilienhäuser, die Teil des Resorts sind, ohne Einspruch bewilligt worden.


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