Eine App erweckt Friedrich Schiller wieder zum Leben

RÜTLI ⋅ An der Geburtsstätte der Schweiz fand gestern ein Filmdreh statt. Dieser ist Teil einer App für Smartphones, die vom Kanton Uri aus die Schweiz erobern soll. Das Ziel: kulturhistorische Themen der Jugend näherbringen.
15. Oktober 2017, 05:10

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Das MS Rütli biegt um den Schillerstein. Die Fahrgäste sind berauscht von der Landschaft. «Was isch de das für einä?», fragt ein bärtiger Mann und zeigt auf den Herrn im blauen Mantel und mit Perücke, der in einem Ruderboot steht, das vor dem Schillerstein tümpelt. Es ist Friedrich Schiller höchstpersönlich, der gleich zu deklamieren beginnt. «Cut», tönt es von einem dritten Boot her. Die Szene muss nochmals von einer anderen Perspektive aus gefilmt werden.

Der Dreh mit Schiller gehört zur neuen App «Sqwiss», die kommenden Mai herausgegeben werden soll (siehe Kasten). Dabei sollen kulturhistorische Themen vor allem der Jugend nähergebracht werden. «Ich habe festgestellt, dass es in der Schweiz etwa 10 000 Kulturgüter gibt, die stumm und still vor sich hinschlummern», sagt Martin Weiss. «Hinter diesen Kulturgütern gibt’s es unglaublich viele spannende Geschichten, die wir nun wieder zum Leben erwecken möchten», so der 60-jährige Journalist und Germanist, der früher eine grosse Filmproduktionsfirma leitete und die Bücherreihe «Urchuchi» herausgab.

Ein Spiel mit Inhalt

Der Zürcher begann mit seiner Kulturmission vor einigen Jahren, als er die Geschichten für eine Comicreihe entwarf. Darin geht es um Murmeltiere. «Die ‹Munggen› bevölkern die Schweiz schon seit der Eiszeit. In meiner Vorstellung haben sie überall dort ihre Löcher gegraben, wo es etwas Spannendes zu entdecken gibt», sagt Weiss. Drei Comicbände («Die Munggenstalder») sind bisher erschienen.

Als es 2016 den Hype um das Smartphone-Spiel «Pokémon Go» gab, kam Weiss auf die Idee, auch seine Murmeltiere aufs Smartphone zu bringen. «Der grosse Unterschied zu ‹Pokémon Go› ist, dass wir unser Spiel mit Inhalt füllen», sagt der Erfinder von «Sqwiss». Keine einfache Sache ohne einen millionenschweren Konzern im Rücken. Weiss wandte sich an die Fachhochschule Nordwestschweiz. Als ­Bachelorarbeit haben zwei Studenten je rund 800 Stunden investiert und eine Pilot-App entwickelt. «Die Munggen-Löcher können wir nun per GPS auf der Schweizer Karte setzen», sagt Weiss. «Momentan sind die Programmierer daran, die Murmeltiere in 3D zu animieren.» Als ­Pilotkanton für die App wurde Uri ausgewählt. «Hier findet man auf relativ kleinem Raum sehr viele Kulturgüter», so Weiss. «Und nicht zuletzt beginnt hier die Geschichte der Eidgenossenschaft.»

Rund 200 Murmeltierlöcher wurden in Uri definiert. Nun ist Weiss daran, die Inhalte zu generieren. «Das beginnt mit einer klassischen Recherchearbeit im Internet, in Büchern oder im Staatsarchiv.» Er hält aber auch Ausschau nach Experten. Wenn der Inhalt feststeht, wird entschieden, ob dieser mit einem ­Video oder einem Hörspiel ver­mittelt werden soll. «Das Drehbuch soll dann möglichst süffig und lustig sein, und trotzdem einem hohen Anspruch standhalten.» Für die Videos genügten oftmals ein Moderator, ein Protagonist, ein Kameramann und ein Regisseur. Es kann aber auch zu deutlich aufwendigeren Drehs kommen, wie dem der Schiller-Szene. Hierfür waren ein Passagierschiff, ein historisches Boot, ein Kameraboot, Schauspieler und Statisten, Kamera und Tontechniker nötig. Die Kosten für diesen Dreh belaufen sich auf 16 000 Franken. Ein grosser Aufwand für jemanden, der «eigentlich nie mehr Film machen wollte», wie Weiss sagt. «Irgendwie bin ich aber doch wieder hier gelandet.» Es treibe ihn an, Neues auszuprobieren und Geschichten hör- und sichtbar zu machen. ­ «Je komplizierter und unmöglicher etwas ist, desto besser.» Unterstützt wird sein Projekt mit Geldern aus der Neuen Regionalpolitik, der Gemeinnützigen Gesellschaft, der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee und Stiftungen. In der Schweiz soll es einst 10 000 virtuelle Rätsel­löcher geben. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Weiss nimmt es ganz nach Schiller: «Sieh vorwärts (...) und nicht hinter dich!»

Hinweis: Infos unter: www.sqwiss.ch

An der Geburtsstätte der Schweiz filmte eine Crew Sequenzen. Diese sind Teil einer App, die kulturhistorische Themen der Jugend näherbringen.


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