Genossenschaften haben Erfolg

URSERN ⋅ Zum Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Alpen von Ursern in einem schlechten Zustand. Missgunst verhinderte, dass Einzelpersonen Verbesserungen herbeiführten. Die Lösung fand die Korporation in Genossenschaften.
13. September 2017, 07:36

Martin Schaffner*

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«Wie diese Alpen bewirtschaftet werden, ist reine Raubwirtschaft.» Dieser Satz steht in einem 1898 veröffentlichten Bericht über die Lage der Alpwirtschaft im Kanton Uri. Geschrieben hatte ihn Casimir Nager. Als Landwirt, alt Talammann von Ursern und alt Regierungsrat von Uri war Nager mit den Verhältnissen im Kanton bestens vertraut. Der von einer Kommission unter seiner Leitung erarbeitete Bericht legte die Ergebnisse einer Untersuchung vor und schlug konkrete Massnahmen zur Verbesserung der Situation vor. Es war ein Appell an die Älpler, umzudenken.

Dass die hoch gelegenen Weideflächen der Urner Alpen ein kostbares Gut sind und darum gepflegt und unterhalten werden müssen, war den Einheimischen in früheren Zeiten nicht immer bewusst. Die Einsicht, dass ständige Anstrengungen nötig sind, um die Produktivität der Weidegebiete zu erhalten und zu verbessern, musste sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erst durchsetzen. Das erstaunt nicht, denn der Aufwand, die Weiden zu pflegen, Wege anzulegen, Brücken zu bauen, Hütten zu errichten und in Stand zu halten, war gross. Die Frage stellte sich: Wer war verpflichtet und in der Lage, dafür das Geld und die nötige Arbeitskraft aufzubringen?

Einstellung zu Nutzflächen verändert sich

Die Neubewertung der alpinen Nutzflächen um 1900 verdient auch heute Interesse, da ein Teil der Weiden touristisch umgenutzt, ein zweiter alpwirtschaftlich intensiver bewirtschaftet und ein dritter aufgegeben wird. Anhand von Quellenmaterial in den Archiven lässt sich verfolgen, wie man vor über hundert Jahren die Probleme der Alpwirtschaft zu lösen suchte, und wie sich nach 1900 die Einstellung zu den alpinen Nutzflächen wandelte. Die Liste der Mängel, welche die Mitglieder der Kommission bei ihren Begehungen vorfanden, ist lang und unerfreulich.

Die Alpen des Urserntals – auf die sich dieser Bericht beschränkt – sind in schlechtem Zustand. Zur Unteralp notiert der Bericht kurz und bündig: «Die Pflege der Alp wird der Natur überlassen.» Zur Alp Gams heisst es mit bitterem Unterton: «Die Pflege der Alp wird übungsgemäss der guten, oft aber auch recht bösen Mutter Natur überlassen.» Um die Oberalp steht es nicht besser: «Für die Pflege der Alp wird nicht das Mindeste geleistet, geschweige denn etwas für die Verbesserung gethan.» Das Gleiche gilt für die Gurschen­alp, die «beste und grasreichste Alp der Korporation Ursern». Hart geht Nager mit der Korporation ins Gericht: «Für einen besseren Betrieb wird von den Korpora­tionsgenössigen auch nicht das Mindeste geleistet.» Nager musste es wissen, dreimal war er Talammann gewesen.

Überall stiess die Kommission auf dieselben Mängel: «Die Alpwege befinden sich in schlechtem Zustande» (Unteralp). «Die Erstellung von Alpwegen wird dem Fuss des Weideviehs überlassen» (Ochsenalp). Ein Hauptübel stellt die Verwendung des natürlichen Düngers dar: «Der Dünger wird nicht nur nicht auf der Alp verwertet, sondern zum Theil sogar nach den benachbarten Eigengütern transportiert, zum grössten Schaden für die Alp» (Unteralp, Oberalp). «Auch die Sennhütten befinden sich vielfach in trostlosem Zustande.»

Die Massnahmen sind bekannt

Nager und seine Kollegen listen die Massnahmen auf, mit denen der desolate Zustand der Alpen zu verbessern sei: das Wegräumen von Geröll, sachgerechte Düngung, die Sanierung der Wege, der Bau von Ställen und Brücken. All das kostete viel Geld, und darum berechnet der Bericht für jede Alp den erforderlichen finanziellen Aufwand.

Nagers Bericht zeigte Wirkung. Nach einem ersten Anlauf 1901 verabschiedete die Talgemeinde von Ursern 1906 eine «Verordnung über die Unterstützung von Alp- und Bodenverbesserungen», und bereits im folgenden Jahr führte die Kor­poration, treibende Kraft der Alpsanierung, erneut eine «Alpinspektion» durch. Eine fünfköpfige Kommission, alles Mitglieder des Rates, suchten zwischen dem 30. August und dem 7. September die Alpen der Talschaft auf. Auch sie konstatierten, dass vieles im Argen liege. Noch immer werde das Abräumen von Steinen vernachlässigt, der Dünger nicht sachgerecht verwertet, das Netz der Alpwege weder verbessert noch unterhalten.

Doch warum hatte sich seit der letzten Alpinspektion kaum etwas verbessert? Dazu hatten die Talräte eine klare Meinung: Schuld war weniger ein Mangel an Einsicht bei den Nutzern als deren Einstellung: «Die Bestosser dieser Alp (gemeint: der Unteralp) wünschen die Verbesserungen, befürchten aber indessen, für andere zu arbeiten, darum bleiben sie im alten Schlendrian. Es herrscht die Meinung, ein anderer könnte von den Verbesserungen profitieren.» Ungeschminkt heisst es dazu im Bericht: «Neid und Missgunst sind Untugenden, die man bei den Älplern oft trifft.»

Alpinspektorat sucht nach Lösungen

Das sind harte Worte, umso mehr als sie von gut informierten, fachlich kompetenten Persönlichkeiten stammen. Doch traf das Urteil nur zum Teil zu. Denn völlig falsch lagen die Älpler ja nicht. Warum sollten sie Arbeit oder Geld investieren, wenn ihnen der Ertrag ihres Aufwands nicht sicher zugute kam? Das Problem war im Übrigen auch den Alp­inspektoren klar, und so suchten sie nach einer Lösung. Diese fanden sie in der Gründung von Alpgenossenschaften. Die Idee war einfach. Alle Viehbesitzer, welche ihr Vieh im gleichen Alpgebiet weiden wollten, sollten sich zu einer Genossenschaft zusammenschliessen, mit dem einzigen Zweck, die Missstände zu beheben. Die Korporation als Eigentümerin sollte diese Bemühungen finanziell unterstützen.

Die Idee schlug ein, 1906 nahm die Talgemeinde die erwähnte Verordnung ohne Gegenstimme an. In den folgenden Jahren bildeten sich mehrere Alpgenossenschaften, so für die Gebiete Garschen, Wittenwassern, Isenmannsalp (1906), Unteralp (1908) und Oberalp (1911).

Die Alpgenossenschaften und ihre Tätigkeiten sind noch wenig erforscht. Doch sind sie in ihrer Bedeutung nicht zu überschätzen. Ihr Erfolg beruhte darauf, dass sie das Kernproblem zu lösen verstanden. Das «unternehmerische Risiko», das ein Viehhalter allein zu tragen hatte, wenn er Arbeit und Kapital zur Verbesserung der Alpen investierte, war jetzt auf die Genossenschaft und damit gemeinschaftlich auf alle Mitglieder verteilt.

Dazu kam die finanzielle Unterstützung durch die Korporation. Die Belastung des einzelnen zu Gunsten eines anderen war damit vermieden. Wichtiger noch und langfristig wirksam: Die Konkurrenz zwischen den Nutzern wurde reduziert und dafür – langfristig wirksam – ihre Zusammenarbeit gefördert. In jeder Hinsicht eine Erfolgsgeschichte.

Hinweis

* Der Autor Martin Schaffner ist emeritierter Professor der Uni Basel und hat für die Korpora­tion Ursern das Talarchiv aufge­arbeitet.


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