Im Duett mit dem Preisträger

AUSZEICHNUNG ⋅ Der 87-jährige Volksmusiker und Komponist Ernst «Jonny» Gisler hat gestern den Goldenen Uristier erhalten. Redaktor Florian Arnold hat ihn zum Gespräch getroffen – und mit ihm zusammen musiziert.
07. Januar 2018, 05:00

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Es war in meiner Primarschulzeit. Im Akkordeonunterricht kam ich schon früh mit Jonny Gisler in Berührung – zumindest mit dem Namen. Dieser stand oben links auf dem Notenblatt: «Äs urchigs Tänzli». «Der wohnt hier ganz in der Nähe», klärte mich meine Musiklehrerin auf.

22 Jahre später betrete ich als Journalist die Wohnung des Volksmusikanten. «Ich habe die Handorgel dabei», sage ich meinem Interviewpartner, der mir ­etwas erstaunt den Weg weist. «Jonny», sagt der 87-Jährige, der auf Ernst Gisler getauft wurde.

Bescheiden trotz 300 Kompositionen

Gestern Samstag erhielt Ernst «Jonny» Gisler vom Urner Regierungsrat den Goldenen Uristier – für seine «ausserordentlichen Leistungen zu Gunsten der Urner und Schweizer Volksmusik». «Dabei bin ich nur ein einfacher Handörgeler», räumt Gisler ein. Die Bescheidenheit ist unbegründet. Er hat über 300 Volksmusikstücke komponiert und spielte mit diversen Koryphäen der ­Szene.

Vor dem reich geschmückten Christbaum nehmen wir beide Platz. «Mach dü grad einä», fordert mich Jonny auf. Ich stimme «Äs urchigs Tänzli» an – und nur zwei Takte später steigt der Komponist des Stücks mit der zweiten Stimme ein. Er begleitet derart sanft, dass ich meine euphorische Spielweise etwas zähmen muss. Im dritten Teil flechtet er seine Glissandi ein, eine seiner Besonderheiten.

«Tipptopp, momoll», kommentiert er. «Zumindest sind wir zusammen fertig geworden.» Er lacht. «Und das alles auswendig!» Das bekam Gisler wohl die vergangenen 75 Jahre oft zu hören. Sein Repertoire umfasst rund 300 Stücke – Noten lesen kann er jedoch nicht. «Im Hirn eines Menschen hat so viel Platz. Wenn man denkt, dass es Leute gibt, die mehrere Berufe haben und daneben noch drei, vier Sprachen reden, dann ist auch das möglich.»

Seine Gedächtnisstützen beim Komponieren sind seine Kassettenrekorder, die er in einem Kämmerchen im Parterre des Hauses installiert hat. «Wenn mir etwas Neues in den Sinn kommt, dann nehme ich es schnell auf.» Die Kompositionen scheinen ihm einfach so zuzufallen. «Das ist eine Gabe Gottes, ein Geschenk.»

Sein Talent und seine Liebe zur Musik habe er wohl von seinem Vater geerbt. «Ich kann mich erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Am Sonntag sass mein Vater aufs Fenstersims und gab ein Schwyzerörgeli-Konzert.» Einzelne Stücke seien ihm heute noch präsent. Zuweilen kamen auch Musikanten zu Besuch. «Ich wurde immer früh ins ‹Nest› geschickt. Aber ‹dr Gisler› konnte nicht schlafen, bevor der letzte Ton verklungen war.»

Ein Boxer verleiht ihm seinen Übernamen

Sein Vater starb, als er in der ersten Klasse war. Ein grober Einschnitt für die Familie mit neun Kindern. 80 Franken Monatsrente blieb der Mutter während der Kriegsjahre. Trotz schwieriger Umstände habe er eine schöne Kindheit erlebt. «Bei uns war immer etwas los.» Und als er von seinem Onkel ein Paar Boxhandschuhe geschenkt bekam, war klar, dass die Nachbarsbuben im Wohnzimmer Kämpfe organisierten. Er selber nannte sich Joe Louis, wie der damalige Weltmeister im Schwergewicht. Daraus entstand sein Künstlername.

In der damaligen Zeit entdeckte «Jonny» Gisler auch das Komponieren. «Wir ‹Gisler-Buben› gingen viel auf die Piste und spielten an jeder Chilbi von Sisikon bis Göschenen», erinnert er sich. «Ich wollte aber nicht immer dieselben 30 Stücke spielen. Deshalb habe ich selber komponiert.» Was beim Publikum sehr gut ankam. «Das hat mich gereizt, immer weiter zu machen.» Spielte er zuerst auf dem vom ­Vater geerbten Schwyzerörgeli, sparte er schon bald für eine chromatische Handorgel. Der Weg war frei für abwechslungsreichere Stile wie Tango, Foxtrott oder Rumba.

«Jonny» Gisler habe es geschafft, einen ganz eigenen Stil zu etablieren, sagt der Urner Berufsmusiker Fränggi Gehrig. «Es ist eine Mischung aus konzertanter und urchiger Musik», so der 31-jährige Profi. «Jonny ist für mich nach wie vor ein Vorbild. Er gehört zu den ganz Grossen der Ländlermusik. Und wir sind gute Kollegen geworden trotz des grossen Altersunterschieds.» «Kannst du einen spielen, der nicht zu kompliziert ist?», frage ich Jonny. «Kennst du ‹Mama›? Der geht gerade aus.» In den bekannten Walzer versuche ich ein paar Einwürfe zu improvisieren und verpasse beim ersten Mal die Schlusswendung. Bei der Wiederholung klappt’s. «Im Trio könntest du mal die zweite Stimme versuchen», schlägt «Jonny» vor. Seine Mundwinkel zeigen deutlich nach oben.

«Alkohol, Frauen, das hätte mir nicht zugesagt»

Doch wieso hat Gisler nie voll auf Musik gesetzt? «Das wäre viel zu gefährlich gewesen: Alkohol, Frauen, das hätte mir nicht zugesagt.» Seinem Job beim Armeemagazin blieb er 43 Jahre treu. «Manchmal bin ich um zwei Uhr vom Musikmachen nach Hause gekommen und musste mit nur fünf Stunden Schlaf wieder in den Lastwagen steigen. Da habe ich oft auch bei der grössten Kälte das Fenster offen gelassen, nur damit ich nicht einschlief.» Auch seine Familie musste zuweilen auf ihn verzichten. «Dafür haben wir es umso mehr genossen, wenn ich mal frei hatte.»

Dass heute die berühmtesten Volksmusiker wie Markus Flückiger oder Willi Valotti seine Stücke spielen, macht ihn stolz. Öffentlich trete er nicht mehr auf. «Ich will mich nicht mehr verpflichten.» Zwischendurch spielt er aber noch im Altersheim sowie an «Stubetä». «Komm doch auch mal, dann spielen wir zusammen», sagt «Jonny» und schüttelt mir kräftig die Hand. Ich verlasse mit geschwellter Brust das Haus der Volksmusiklegende.

Video: Jonny Gisler und Florian Arnold

Der Volksmusiker Ernst "Jonny" Gisler erhielt am 6. Januar 2018 den "Goldenen Uristier". Florian Arnold, Redaktor bei der Urner Zeitung / Zentralschweiz am Sonntag, traf ihn zum gemeinsamen Musizieren. (Florian Arnold, 6. Januar 2018)




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