Sie führte einst Zilli im «Urner Krippenspiel» durch den Schnee

ALTDORF ⋅ Im Dezember wird Heinrich Danioths «Urner Krippenspiel» aufgeführt. Regina Nager-Schmidig hat bei der Uraufführung eine der Marionetten geführt. Sprache und Inhalt faszinieren sie noch heute.
28. November 2017, 07:59

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

«Schnee! Schnee! Schnee! Nur immer meeh, meeh, meeh, meeh! Und nyt ass Schnee!», zitiert Regina Nager aus der Hass-Litanei, die der Teufel in Heinrich Danioths «Urner Krippenspiel» für die Menschen erbittet. Der Text kommt aus einem Guss, sprudelt richtiggehend aus ihr heraus. Kein Moment des Zögerns. Die Altdorferin spricht mit leuchtenden Augen, untermalt das Ganze mit passender Mimik und Gestik. Und gleichzeitig steigert sie die Dynamik und das Tempo des gesprochenen Textes: «Häi – wiä-n-r chunnt so Pfund fir Pfund, und alles verschtäipter, alles verchläipter! Schtüdä und Gräbä topfdeckeläbä.»

Diese fehlerlose Rezitation ist keine Selbstverständlichkeit – denn Regina Nager ist 91-jährig. Aber Danioths Krippenspiel geht ihr nicht aus dem Kopf. Im Dezember 1944 – bei der Uraufführung im Altdorfer «Höfli» – hat sie als Achtzehnjährige eine der von Eugen Püntener geschaffenen Marionetten geführt – zur Musik von Franz Xaver Jans und vor dem Bühnenbild von Autor Heinrich Danioth.

Vorher noch nie mit Marionetten gespielt

Zilli, das Kind von Magdalena, war die Figur, die Regina Nager vor 73 Jahren an den dünnen Fäden führte. «Müätter, mach gläitig! Nimm dy Märchtchorb. S’wird woll ä vorigä Chram dri ha», zitiert sie einen ihrer damaligen Sätze. Marionetten hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nie bewegt. «Man hat uns das einfach gezeigt, wir haben geübt, und ­irgendwann konnten wir es», ­erklärt sie. «Wenn man jung ist, kann man schnell etwas, wenn man denn will.»

Die Aufführungen im «Höfli» hat sie noch deutlich vor Augen. «Die Beleuchtung, der künstliche Schnee, der unter die Haut gehende Gesang der Chöre: Das Ganze hatte auch etwas Mystisches, manchmal sogar etwas Beklemmendes. Es widerspiegelte aber auch die damalige Realität», erklärt die einzige noch lebende Marionettenspielerin von damals. «1944/45 herrschte noch immer Krieg», sagt Nager. Verdunkelung, gespenstische Ruhe, Flugzeuge, das Donnern von ­Kanonen, Angehörige, die im Aktivdienst sterben: Daran erinnere sie sich, als ob es erst gestern ­gewesen wäre.

Doch die Altdorferin kann im nächsten Augenblick der Kriegszeit auch eine positive Seite abgewinnen: «Weil der Kollegi-Verwalter immer wieder einrücken musste und dieser Posten an der Mittelschule dadurch verwaist war, hat man mich als Frau mit einer Handelsschulausbildung eingespannt. 1 Franken Stundenlohn und keine Ferien, das ist doch auch etwas, oder?», sagt sie – und lacht herzerfrischend. Mit Ausnahme von wenigen Jahren – nach der Geburt ihrer drei Kinder – hat sie bis 1988 in der Kollegi-Verwaltung gearbeitet.

Von Danioths Sprache noch immer begeistert

«Heinrich Danioth hat bei den Proben aufmerksam zugeschaut, aber nicht viel gesagt», erinnert sich Nager. «Er hat höchstens kleine Anpassungen an seinem Text vorgenommen oder einzelne Wörter ausgetauscht.» Regina Nager ist noch heute begeistert von Danioth, von dessen Sprache und vor allem von dessen Mundartausdrücken. Doch nicht nur davon: «Das Geschehen, das ­Danioth so eindrücklich und tiefgründig in die Weihnachtsgeschichte hineingepackt hat, sehe ich heute fast täglich im Fernsehen», spannt sie einen Bogen zur Gegenwart. Sie spricht damit speziell jene Szene an, in der die Emigranten Maria und Josef auf der Suche nach einem Obdach im Schneegestöber auf Wegknecht Joder treffen. «Auch heute erleiden wieder viele Leute ein ähnliches Schicksal wie die Emigranten in Danioths ‹Krippenspiel› respektive zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und auch heute schauen viele nur zu. Das ist für mich Fotokopie pur.»

Neue Produktion im Theater Uri

Danioths Krippenspiel wird von der Marionettenbühne Gelb-Schwarz neu produziert und ab dem 13. Dezember im Altdorfer Saal des Theaters Uri zehnmal aufgeführt. Regina Nager will sich dies nicht entgehen lassen: «Ich werde wieder fasziniert sein, wenn ich sehe, wie der Teufel und der Herrgott um die Seele von Joder kämpfen. Und ich werde wohl wieder feststellen, dass Danioth ein Visionär war und dass das Stück bis heute rein gar nichts an Aktualität eingebüsst hat.»

Hinweis

Für die Aufführungen des «Urner Krippenspiels» gibt es nur noch einige wenige Tickets (  www.ticketcenter-uri.ch; Telefon 041 874 80 09).


Leserkommentare

Anzeige: