«Storch» übt für Wiederholung legendärer Rettungsaktion

URI ⋅ Wer in der Zentralschweiz ganz hoch hinaus will, steigt in ein Skiflugzeug und landet auf dem Hüfigletscher. Dort wird auch mit einem Oldtimer für die Wiederholung einer Schweizer Rettungsaktion geprobt, die 1946 weltweit Schlagzeilen machte.
07. Januar 2018, 05:00

Der weisse Untergrund kommt rasch näher. Nun heisst es für den Piloten aufpassen. Nahezu unmerklich setzt das winzige Flugzeug in fast 3000 Metern Höhe im Neuschnee auf. Anders als bei einer normalen Landung nimmt der Pilot das Gas jetzt aber nicht auf Leerlauf zurück, sondern schiebt wieder Leistung nach. Die Maschine rutscht mit Schwung genau wie ein Skifahrer ein gutes Stück weiter bergauf. Dann geht es in eine Kurve, so dass der Zweisitzer quer zum Hang zu stehen kommt. Eine grandiose Stille empfängt die beiden Gletscherflieger nach dem Aussteigen auf dem Hüfigletscher in den Glarner Alpen in Uri.

Pilot Heinz Leuenberger ist ein alter Hase bei dieser hochalpinen Fliegerei. Mehrere tausend Gletscherlandungen stehen in seinem Flugbuch. Seine zuverlässige Maschine vom Typ Piper Super Cub begleitet den Instruktor für Gletscherlandungen schon seit 35 Jahren. Die Piper ist eine Legende unter den Flugzeugen. Länger als 50 Jahre in Produktion und mit mehr als 30 000 gebauten Exemplaren ist sie so etwas wie das aviatische Pendant zum VW Käfer.

Trainingsflüge mit einem «Double»

Nach einigen Minuten landet ein ungewöhnlicher Oldtimer neben der Piper auf dem Hüfi. Es ist ein Fieseler Storch aus den 1940er-Jahren in der Bemalung der damaligen Schweizer Luftwaffe und dem Kennzeichen A-99. Pilot ­Patrick Balmer und sein Copilot Max Degen steigen aus dem Skiflugzeug und treffen sich mit der Piper-Crew zum entspannten Plausch in 3000 Metern Höhe.

Diese Landung hat einen ganz besonderen Hintergrund: Bei guten Bedingungen üben Piloten des Oetwiler Vereins «Storchenfreunde» das Aufsetzen und Starten auf dem Hüfifirn. Das Ganze dient als Training für die geplante Wiederholung eines aviatischen Ereignisses, das ­damals weltweit Schlagzeilen machte und dieses Jahr nachgestellt werden soll: die berühmte Rettungsaktion auf dem Gauli­gletscher im November 1946, als Militärpiloten mit zwei Fieseler Störchen auf Skikufen zwölf Überlebende eines US-Flugzeugabsturzes mitten auf dem Gletscher aufnahmen und ins Tal ausflogen. Diese Aktion gilt weltweit als Geburtsstunde der alpinen Flugrettung (siehe Box).

Der Storch A-99, mit dem bislang geübt wurde, ist aber nur ein «Double»: Wenn die Wetter- und Schneebedingungen auf dem Gauligletscher passen, soll die Rettungsaktion im Originalflugzeug mit Start und Landung im Eis wiederholt werden. Dieser berühmt gewordene Fieseler Storch hing ein halbes Jahr­hundert lang im Verkehrshaus ­Luzern und wurde nun in zweijähriger Arbeit eigens für die Wiederholung der Rettungs­aktion erneut flugfähig gemacht. Derzeit läuft noch die Flugerprobung der A-97. Wenn aber alles gut geht, soll die Landung auf dem Gauligletscher öffentlichkeitswirksam im Laufe des aktuellen Jahres klappen.

Helikopter lösten Flugzeuge ab

In der Schweiz gibt es rund zwei Dutzend zugelassene Gebiete auf Gletschern, in denen Starten und Landen für Skiflugzeuge erlaubt ist. Dies geschieht immer in Eigenverantwortung des Piloten. Der berühmte Pilot Hermann Geiger hatte diese Form der hochalpinen Rettungsfliegerei in den 1950er-Jahren mit seiner Piper Cub entwickelt und perfektioniert. Heute werden diese Einsätze in der Schweiz allerdings von Helikoptern übernommen.

Fliegen im Hochgebirge ist nur etwas für Experten. Starten und Landen auf einem Gletscher ist noch anspruchsvoller, da Kolbenmotoren mit zunehmender Höhe deutlich an Leistung verlieren. Gelandet wird auf einem Gletscher unabhängig vom Wind immer bergauf, gestartet immer talwärts. Unsichtbare Spalten, vereister Schnee, plötzliche Böen oder verborgene Hindernisse sorgen für zusätzliche Risiken.

Ein Gletscherflug-Novize in der Schweiz muss bereits 200 Flugstunden als Pilot absolviert haben, bevor er die Ausbildung beginnen kann. Derzeit sind es rund 60 Schweizer Flieger, darunter einige Pilotinnen, die diese einmalige Form des alpinen Fliegens aktiv ausleben.

 

Jürgen Schelling

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch


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