EVZ-Arzt Schwegler: «Die Situation ist neu für uns»

EISHOCKEY ⋅ Seit Saisonstart hat der EV Zug mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. EVZ-Arzt Beat Schwegler spricht über Regeneration, Gehirnerschütterungen und flexible Banden.
07. Dezember 2017, 05:00

Interview: Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Abriss des Brustmuskels, leichte Gehirnerschütterung, Adduktorenprobleme, Verletzungen an Schulter, Ellbogen, Fuss und Knie: Das alles ist im EV Zug in dieser Saison schon vorgekommen. Seit dem Start im September fallen immer wieder Spieler verletzt aus. Besonders schwer hat es die Abwehr getroffen. ­Zuletzt fehlten Robin Grossmann, Timo Helbling, Dominik Schlumpf, Tobias Geisser und Johann Morant. Aber auch andere Schweizer Teams wie der HC Davos und die ZSC Lions haben ­ eine lange Verletztenliste. Beat Schwegler, der für das EVZ-­Ärzteteam verantwortlich ist, liefert Erklärungen.

Beat Schwegler, sind Sie erstaunt über die Verletzungsmisere im EV Zug?

Es überrascht mich insofern, da wir in den vergangenen Jahren kaum mit solchen Problemen konfrontiert gewesen sind. Gemäss den Statistiken der letzten Saisons hatten wir immer die mit Abstand wenigsten Verletzungen in der National League. Die momentane Situation ist deshalb neu für uns. Wir nehmen das zur Kenntnis und und stellen uns darauf ein.

Alles nur Zufall? Oder steckt mehr hinter den Problemen?

Die meisten Verletzungen sind auf äussere Einflüsse oder Un­fälle zurückzuführen. Da ist viel Pech dabei: Der eine schlägt während eines Spiels mit der Schulter auf, der andere fällt unglücklich auf den Ellbogen. Nur in wenigen Fällen ist eine Überlastung die Ursache. Das heisst: Zu hartes Training oder fehlende Regeneration sind nicht für die Verletzungen verantwortlich. Nichtsdestotrotz müssen wir analysieren, was wir optimieren können.

Haben Sie da schon Ideen?

Wir diskutieren regelmässig über Verbesserungsmöglichkeiten. Denkbar ist zum Beispiel, dass wir mehr Regeneration in den Wochenplan einbauen. Denn wichtig ist eine gute Balance zwischen intensivem Training und wirksamer Erholung.

Könnte ein verändertes Aufbauprogramm im Sommer die Verletzungen begünstigt haben?

Das Aufbautraining vor dieser Saison schien zwar etwas härter, war aber nicht völlig anders als in früheren Jahren. Der Umfang ist mit den Vorjahren vergleichbar. Aufgrund der wenigen Überlastungsverletzungen gehe ich nicht davon aus, dass es ein Problem des Sommertrainings ist.

Was müssen Eishockeyspieler beachten, um möglichst gesund durch die Saison zu kommen?

Gerade die jungen Spieler sind vielen äusseren Einflüssen ausgesetzt: Neben dem Hockey sind da häufig noch Lehre, Schule und persönliches Umfeld. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die jugendlichen Sportler müssen lernen, damit umzugehen. Dazu gehört, dass sie sich auch die Freiheit nehmen, manchmal nicht erreichbar zu sein. Sie sollten in der trainingsfreien Zeit richtig abschalten und sich erholen.

Brauchen junge Spieler ein anderes Training als routinierte Profis?

Die Jungen müssen unter professioneller Betreuung herausfinden, was gut für sie ist und was nicht. Ein intensiveres Training macht für jüngere Profis durchaus Sinn. Aber: Je mehr sie trainieren, desto mehr Regeneration benötigen sie. Der Tag hat allerdings nur 24 Stunden. Und womöglich müssen die Athleten noch eine Ausbildung oder vielleicht auch andere Probleme aus dem sozialen Umfeld bewältigen.

Spielt die mentale Verfassung bei Verletzungen eine Rolle?

Das Verletzungsrisiko ist kleiner, wenn sich jemand sehr fokussiert seiner Sportart widmen kann.

Der EV Zug setzt seit dieser Saison auf flexible Banden, die harte Checks abfedern sollen. Tun die Klubs und der Schweizer Verband genug, um Verletzungen vorzubeugen?

Die flexiblen Banden, die nun schweizweit installiert werden, reduzieren grundsätzlich die Verletzungsgefahr, nicht aber die Gehirnerschütterungen. Der grösste Teil der Gehirnerschütterungen erfolgt durch Checks gegen den Kopf – die Art der Bande ändert daran nicht viel. Meiner Meinung nach sollte man offensichtliche Checks gegen den Kopf oder gefährliche Checks in die Bande noch härter und konsequenter bestrafen. Nur so kann man die Spieler zur Vernunft bringen. Ich denke allerdings auch, dass der gegenseitige Respekt der Spieler grösser wurde.

Wie häufig werden Sie mit Gehirnerschütterungen konfrontiert?

Im National-League-Team des EVZ verzeichnen wir durchschnittlich einen bis drei Fälle pro Saison. Das sind immer noch zu viele.

In der NHL klagen Ex-Profis über Kopfschmerzen, Reizbarkeit und Depressionen – eine Folge von Kopfverletzungen. Sind solche Symptome auch in der Schweiz verbreitet?

Mir ist momentan kein ehemaliger EVZ-Spieler bekannt, der daran leidet. Aber ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Ex-Profi dann und wann an Gehirnerschütterungen in seiner Karriere erinnert wird – gerade bei starken psychischen und physischen Belastungen.

Eine typische schwere Verletzung im Fussball ist der Kreuzbandriss. Was sehen Sie im Eishockey am häufigsten?

Neben Gehirnerschütterungen haben wir es oft mit Schulterverletzungen und Rissen der Syndesmose am Fussgelenk zu tun. Hinzu kommen Ellbogen- und Schlüsselbeinverletzungen. Eine komplexe Schulterverletzung kann zu einem mehrmonatigen Ausfall führen. Aktuelle Beispiele sind EVZ-Verteidiger Robin Grossmann und Luganos Damien Brunner. Ganz wichtig ist, dass wir nicht nervös werden und rekonvaleszente Spieler zu früh dem Coach wieder zur Verfügung stellen. Da handeln wir sehr verantwortungsbewusst.

Hinweis

Beat Schwegler (49) ist stellvertretender Chefarzt Medizinische Klinik, Leiter der Sportmedizin am Zuger Kantonsspital und Verantwortlicher des Medical Teams im EV Zug.


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