Musik
Neue Perspektiven für die Harmoniemusik

Das Blasorchester im Nidwaldner Kantonshauptort gab sein Jahreskonzert erstmals unter neuer Leitung. Frischer Elan war spürbar.

Primus Camenzind
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Jahreskonzert der Harmoniemusik Stans mit dem neuen Dirigenten Remo Abächerli im Theater an der Mürg.

Jahreskonzert der Harmoniemusik Stans mit dem neuen Dirigenten Remo Abächerli im Theater an der Mürg.

Bild: Primus Camenzind (Stans, 26. November 2022)

Knapp 40 Musikantinnen und Musikanten und ihr Dirigent Remo Abächerli deuteten am vergangenen Wochenende im Theater an der Mürg darauf hin, welchen Weg die Harmoniemusik fortan gehen will. «Das Programm des Abends war unter anderem so ausgelegt, dass ich den Verein und seine Musikalität zuerst mal kennen lerne», gab Abächerli nach dem Jahreskonzert zu verstehen. Die unterschiedliche Art der Stücke – vor und nach der Pause – waren für den Dirigenten aufschlussreich und sie begeisterten auch das stattliche Publikum.

Den Klangkörper entwickeln

Remo Abächerli stand keineswegs vor dem Nichts, als er vor knapp vier Monaten die Leitung der «Stansermuisig» übernahm. «Wir haben uns recht schnell gefunden», betonte er. «Nach der zweiten Probe war die Atmosphäre bereits sehr angenehm.» Bei der Erarbeitung des Programms «Stadt – Land – Fluss» legte der Dirigent sein Augenmerk bewusst auf den Klangkörper und dessen Entwicklung. Die «Alpina Fanfare» des Tessiner Komponisten Franco Cesarini machte deutlich, dass in diese Richtung gearbeitet wird. Festlich, mit sattem Sound, harmonischem Ausgleich zwischen Holz und Blech und durch die Fähigkeit, das Werk bis zum Finale zu steigern, geriet diese Fanfare zum prächtigen Eröffnungsstück des Abends.

Ruhige erste Hälfte

In der Folge und bis zur Pause standen eindeutig das Kollektiv sämtlicher Instrumente, Wohlklang und Ruhe im Vordergrund. Dies allerdings ohne Verzicht auf Emotionen und Klangvielfalt. Die angestrebte Ruhe legte sich vom Dirigentenpult aus über das ganze Ensemble. Auf Blitz und Donner oder kriegerische Töne verzichtete Abächerli bewusst. Der Österreicher Thomas Doss beschreibt in seiner «Green Hills Fantasy» die Landschaft des Mühlviertels in seiner Heimat und erinnert an die Lebensfreude der damaligen Bevölkerung trotz der Belagerung durch die Kelten.

Thorsten Wollmann, eigentlich Jazzmusiker und gleichwohl Verfasser von klassischen Blasmusikwerken, steuerte zum musikalischen Abend «Die Rheinreise» bei. Von der Quelle bis zur Mündung war das Publikum von romantischen, zuweilen aber auch dissonanten Klangbildern begleitet. Aus helvetischer Feder stammt der «Swiss Mountain Song» von Ferdinand Huber in einer gekonnten Bearbeitung von Gilbert Tinner. Das zugrunde liegende Lied «Luegid vo Bärg und Tal» ruht zuerst auf einem gleichbleibenden Grundton, bevor die Melodie durch einen jähen Tonartwechsel belebende Frische erfährt. «Norwegische Impressionen» des Niederländers Alfred Bösendorfer (Pseudonym) gaben sowohl Melancholie als auch Lebensfreude im Alltag und an Volksfesten im Land des hohen Nordens treffend wieder. Übrigens konnten sich bereits vor der Pause einige Solisten (Eufonium, Trompete, Waldhorn und andere) von ihrer besten Seite zeigen.

Das Jahreskonzert der Harmoniemusik Stans fand unter dem Motto «Stadt – Land – Fluss» im Theater an der Mürg in Stans statt.

Das Jahreskonzert der Harmoniemusik Stans fand unter dem Motto «Stadt – Land – Fluss» im Theater an der Mürg in Stans statt.

Bild: Primus Camenzind (Stans, 26. November 2022)

Jenseits von Ruhe und Besinnlichkeit

Nach der Pause zeigte sich, dass Remo Abächerli sein Ensemble auch jenseits von Ruhe und Besinnlichkeit fordert und entsprechend fördert. Das Werk «Atlantic Waves» von Eduardo M. Brito charakterisiert das Meer und seine Launen bei den Entdeckungsreisen im Mittelalter. Wie erstaunlich cool es tönt, wenn die Harmoniemusik swingt oder gar in Big-Band-Manier musiziert, zeugten der Dauerbrenner «Singin' In The Rain» aus der gleichnamigen Musical-Romance und «Beyond The Sea», der legendäre Song von Robbie Williams. Beide Titel überzeugten ausserdem durch hervorragende Arrangements. James Barnes und sein Werk «Appalachian Overture» gerieten zu einer Art Reifeprüfung für das Stanser Blasorchester: Technisch anspruchsvolle Sequenzen für die Holzbläser, kompakte und rhythmische Passagen fürs Blech und eine Dynamik zwischen «Tutti» und Transparenz in reduzierter Besetzung – damit dürfte der junge Dirigent sein Ensemble wohl auch in Zukunft konfrontieren. Das Fazit: Reifeprüfung bestanden! Mit der Hitmelodie aus «Game Of Thrones» und dem beliebten Marsch «Berliner Luft» von Paul Lincke entliess die «Stansermuisig» ein dankbares Publikum nach fast zwei Stunden gepflegter Blasmusik.