Altdorf
Die Bahnhofstrasse 13 soll ein Marktplatz für den Erwerb geistiger Nahrung sein

Das Staatsarchiv und die Kantonsbibliothek Uri sind neu eröffnet worden. Nach einem Umbau präsentieren sich die Räume hell und einladend.

Rafael Schneuwly
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Martina Wüthrich (links) und Carla Biasini, die Co-Leiterinnen der Kantonsbibliothek, in ihrem Reich.

Martina Wüthrich (links) und Carla Biasini, die Co-Leiterinnen der Kantonsbibliothek, in ihrem Reich.

Bild: Rafael Schneuwly (Altdorf, 30. Oktober 2021)

Die Bahnhofstrasse 13 in Altdorf ist für Bücherfreunde nicht erst seit heute eine erstklassige Adresse, denn an diesem Ort befinden sich seit 1988 das Staatsarchiv und die Kantonsbibliothek des Kanton Uri unter dem gleichen Dach. Aber die beiden Institutionen durften sich wohl noch nie in einem so schönen Kleid präsentieren, denn von November 2020 bis Oktober 2021 wurden grosse Teile des Gebäudes in drei Etappen umgebaut.

Bild: Rafael Schneuwly (Altdorf, 30. Oktober 2021)

Heute wirken die öffentlich zugänglichen Räume im Erdgeschoss mit den grossen Fensterflächen, den bequemen Sitzgelegenheiten und dem neuen Lesecafé hell und einladend. Carla Biasini, die zusammen mit Martina Wüthrich die Kantonsbibliothek leitet, äussert sich entsprechend zufrieden: «Damit haben wir als öffentliche Bibliothek das erreicht, was in der Bibliothekswelt als ‹dritter Ort› bezeichnet wird. Ein Ort, der nebst dem eigenen Zuhause und dem Arbeitsort als zusätzliche ‹Stube› genutzt wird, wo man sich wohl und wie zuhause fühlt.»

Bild: Rafael Schneuwly (Altdorf, 30. Oktober 2021)

Staatsarchiv und Kantonsbibliothek neu strukturiert

Staatsarchivar Hans Jörg Kuhn bei der Moderation der Eröffnungsfeier.

Staatsarchivar Hans Jörg Kuhn bei der Moderation der Eröffnungsfeier.

Bild: Rafael Schneuwly (Altdorf, 30. Oktober 2021)

Am vergangenen Samstag fand im neuen Veranstaltungsraum die Eröffnungsfeier statt, die von Staatsarchivar Hans Jörg Kuhn moderiert wurde. Michaela Gisler von den verantwortlichen HTS Architekten kam auf einige bauliche Schwerpunkte zu sprechen: Die Büros für das Staatsarchiv und die Kantonsbibliothek wurden ins 1. Obergeschoss verlegt und durch einen Zwischentrakt verbunden. Das Erdgeschoss steht nun vollständig für öffentliche Räume wie die Freihandbibliothek, den Lesesaal oder einen Schulungsraum zur Verfügung. Und das Hauptgebäude an der Bahnhofstrasse 13 wurde durch einen unterirdischen Gang mit dem neuen Kulturgüterschutzraum an der Bahnhofstrasse 11 verbunden, was die Arbeit der Mitarbeiter enorm erleichtert.

Sorgfältiger Umgang mit der Bausubstanz

Michaela Gisler von den HTS Architekten orientiert über den Umbau.

Michaela Gisler von den HTS Architekten orientiert über den Umbau.

Bild: Rafael Schneuwly (Altdorf, 30. Oktober 2021)

Michaela Gisler betonte, dass beim Umbau grosser Wert auf die Erhaltung der bisherigen baulichen Substanz gelegt worden sei. So durfte etwa der industrielle Charakter des Annexbaus aus den 50er- und 60er-Jahren nicht verändert werden, und die renovierten Büroräume des Staatsarchivs im 1. Obergeschoss verströmen immer noch den eleganten Charme früherer Wohnungen, die sich an dieser Stelle befanden. Für ein Staatsarchiv und auch für die Urner Kantonsbibliothek mit viel Kulturgut sind natürlich Magazine und Schutzräume von grösster Bedeutung. Mit den neu geschaffenen Räumen im 1. Untergeschoss sollte genügend Platz für das Archivgut der nächsten dreissig Jahre bestehen.

Baudirektor Roger Nager (links) übergibt die Schlüssel an Bildungs- und Kulturdirektor Beat Jörg.

Baudirektor Roger Nager (links) übergibt die Schlüssel an Bildungs- und Kulturdirektor Beat Jörg.

Bild: Rafael Schneuwly (Altdorf, 30. Oktober 2021)

Neben Michaela Gisler äusserte sich auch der Urner Baudirektor Regierungsrat Roger Nager zum Umbau. Trotz sorgfältiger Sondagen sei es zu Überraschungen gekommen. So seien beim Bau der unterirdischen Verbindung Micropfähle und grosse Findlinge (Schächenschotter) gefunden worden. Und lächelnd fügte er bei: «Und nein: Wir haben beim Aushub für die unterirdische Verbindung nichts Antikes gefunden, das direkt ins Staatsarchiv hätte überführt werden können.»

Für das Fortleben der Vergangenheit sorgen

«Wir Menschen sind ja nicht nur körperlich-materielle Geschöpfe, sondern auch geistig-kulturelle.» Mit diesen Worten erinnerte Regierungsrat Beat Jörg, der Bildungs- und Kulturdirektor des Kanton Uri, in der Eröffnungsansprache an der Feier an die Pflicht eines Staatsarchivs und einer Kantonsbibliothek, dafür zu sorgen, dass die Vergangenheit fortleben könne und dass künftige Bewohner nicht immer wieder von vorn anfangen müssten. Beim Bau des Lesecafés kam der alte Mosaikboden des «Konsum» ans Tageslicht, das Fundament des Ladens, in dem die Altdorfer Bevölkerung bis in die Siebzigerjahre Nahrungsmittel einkaufte. Regierungsrat Jörg wünscht sich, dass die neuen Räumlichkeiten auch in Zukunft die Rolle eines Marktplatzes spielen, wo sich die Menschen beim Erwerb von geistiger Nahrung treffen. Und auch der Historiker Hans Stadler, der als Letzter von 1973 bis 1988 die Leitung von Staatsarchiv und Kantonsbibliothek in Personalunion inne hatte, äusserte in seinem Rückblick auf die Geschichte der beiden Institutionen drei Anliegen: Das Archivwesen verdient auch in Zukunft eine grosszügige und weitsichtige Unterstützung. Der Kanton benötigt weiterhin ein Zentrum für Dokumentation, Wissenschaft und Forschung, wo alle Kräfte gebündelt sind. Und drittens muss in den Räumen von Archiv und Bibliothek weiterhin der Geist der Dienstfertigkeit, der Hilfe und der Kundennähe für alle herrschen.


Dienstleistungen für die Bevölkerung

Das Staatsarchiv ist von Montag bis Freitag jeweils von 8-12 Uhr und von 13.30 bis 17 Uhr sowie an jedem ersten Samstag im Monat von 9-12Uhr geöffnet. Ab dem Schuljahr 2022/23 werden Archivworkshops für Gymnasiasten und Berufsschüler angeboten. Im Lesesaal wird eine Freihandbibliothek mit Büchern zum und aus dem Kanton Uri eingerichtet.

In der Kantonsbibliothek werden die Öffnungszeiten mittels Open Library erweitert. Am Vormittag und über Mittag können die Räume ohne Anwesenheit von Personal autonom genutzt werden.