Altdorf
Ein Pionier der Umweltpolitik: Buch über Johann Coaz gewährt Blick auf dynamische Umbruchzeit

Johann Coaz prägte das nationale Forstwesen nachhaltig. Nun ist ein Buch über den ersten eidgenössischen Forstinspektor erschienen, das in Altdorf vorgestellt wurde.

Urs Hanhart
Drucken
Autorin Karin Fuchs (links) und Autor Martin Stuber (Mitte) erzählten von ihrer spannenden Recherchearbeit für das Forschungsprojekt.

Autorin Karin Fuchs (links) und Autor Martin Stuber (Mitte) erzählten von ihrer spannenden Recherchearbeit für das Forschungsprojekt.

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 21. März 2022)

Das Urner Institut Kulturen der Alpen veranstaltete am Montag im Uristiersaal der Dätwyler AG in Altdorf eine Buchvorstellung, der rund zwei Dutzend Interessierte beiwohnten. Im Zentrum stand das Buch «Nutzen und schützen. Johann Coaz (1822–1918), der Wald und die Anfänge der schweizerischen Umweltpolitik». Autorin Karin Fuchs und Autor Martin Stuber referierten über ihre Recherchearbeit zu diesem 275-seitigen Werk, editiert vom Institut für Kulturförderung Graubünden. Anschliessend gab es noch ein von Romed Aschwanden, Geschäftsführer des Instituts Kulturen der Alpen, moderiertes Podiumsgespräch, an dem sich alle Versammelten beteiligen und einbringen konnten.

In Altdorf wurde die Publikation, die im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Kulturförderung Graubünden erarbeitet wurde, mit einem Blick auf Coaz’ Wirken in Uri vorgestellt. Er war eine zentrale Figur der sich im 19. Jahrhundert herausbildenden schweizerischen Umweltpolitik. In jungen Jahren als Kartograf am Projekt der Dufour-Karte beteiligt, engagierte sich Coaz danach über zwei Jahrzehnte als Forstinspektor für den Büdner Wald. Gleichzeitig wirkte er vielerorts als Experte, so unter anderem auch für die Bannwälder bei Altdorf und in Ursern. Später, zum ersten eidgenössischen Oberforstinspektor gewählt, realisierte er eine nachhaltige Forstpolitik auf nationaler Ebene.

Aus dem Vollen schöpfen können

«Johann Coaz ist ein Paradebeispiel für die Verknüpfung von Nah- und Weitsicht. Er war ein vielseitig interessierter und vortrefflich vernetzter Geist», sagte Cordula Seger, Leiterin Institut für Kulturforschung Graubünden, in ihrer Einführung.

«Die Quellenlage rund um Coaz ist einmalig. Seine im Staatsarchiv Graubünden in Chur aufbewahrten persönlichen und fachlichen Tagebücher sind ein unglaublicher Schatz.»

Deshalb habe man den 200. Geburtstag von Coaz zum Anlass genommen, modern und zeitgemäss auf diese Figur und deren Leistungen zu schauen. «Und wir haben dies mit ausgewiesenen Forschenden machen können», so Seger. Nebst Historikerin Karin Fuchs, die als Projektleiterin agierte, und Martin Stuber vom Historischen Institut Bern war auch noch Paul Eugen Grimm als Autor beteiligt. Er befasste sich mit dem reichhaltigen Nachlass von Coaz, bestehend nebst den Tagebüchern auch aus hunderten Briefen, Fotografien und Dokumenten jeglicher Art.

Romed Baumann, Geschäftsführer Institut Kulturen der Alpen (links), mit Autorin Karin Fuchs und Autor Martin Stuber.

Romed Baumann, Geschäftsführer Institut Kulturen der Alpen (links), mit Autorin Karin Fuchs und Autor Martin Stuber.

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 21. März 2022)

Fuchs bezeichnete Coaz als Pionier der schweizerischen Forst- und Umweltpolitik. Sein Wirken sei für den gesamten Alpenraum wichtig und prägend gewesen, auch für Uri. Stuber wies darauf hin, dass Coaz, der ab 1875 fast 40 Jahre lang als eidgenössischer Forstinspektor tätig war und in dieser Funktion unzählige Reisen unternahm sowie auch die Gründung des Schweizer Nationalparks in Graubünden mitinitiierte, den Begriff Nachhaltigkeit bereits verwendete und inhaltlich auch umsetzte. Vor allem in den Bereichen Forst- und Waldwirtschaft sei er in Gebrauch gewesen. Nachhaltigkeit im weiteren und breiteren Sinne, also sozial, ökonomisch und ökologisch, sei jedoch neueren Datums.

Nicht nur ein Messias

Beat Annen, Kantonsforstmeister von Uri, machte darauf aufmerksam, dass Coaz erstmals Geld in Form von Subventionen in die Gebirgsgegenden gebracht habe, um forstliche Projekte umzusetzen. Aus heutiger Sicht sei es sehr bemerkenswert, dass das damalige Forstgesetz durchgebracht worden sei. «Bezüglich Eigentumsbeschränkungen handelte es sich um ein Gesetz, das bei den heutigen demokratischen Verhältnissen undenkbar wäre», so Annen.

«Es wurde damals stark ins Privateigentum eingegriffen, was heute unvorstellbar ist.»

Die Nutzung sei sehr restriktiv gewesen, wodurch die einfachen Bürger bis in die obersten Waldregionen dem Brennholz nachlaufen mussten. «Noch Jahre nach Coaz hat es in Altdorf Attentate auf Gemeindeförster gegeben. Sie mussten all das, was von Bern kam, ausfechten. Nur als Messias wurde Coaz bestimmt nicht gesehen», sagte Annen und gab damit indirekt eine Antwort auf eine Frage aus dem Publikum, ob der erste eidgenössische Forstinspektor in seiner Zeit ein Star gewesen sei.

Zum Schluss kam aus den Reihen der Zuhörerschaft noch die Anregung an die Adresse des Instituts Kulturen der Alpen, auch einmal ein wissenschaftliches Forschungsprojekt im Zusammenhang mit dem langjährigen Urner Kantonsoberförster Max Oechslin zu lancieren. Romed Aschwanden nahm diesen Hinweis dankbar entgegen und versprach, dass man dies intern aufs Tapet bringen werde.