Aufruf
Archäologen bitten Wanderer um Hilfe: Neue Funde dank schmelzender Gletscher

Die Veränderung des Klimas ist für die Archäologie auch eine Chance: Unter dem schmelzenden ewigen Eis kommen wertvolle Informationen zum Vorschein.

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Aufgrund der zurückschmelzenden Gletscher wird von der Wissenschaft erwartet, dass im Kanton Uri Spuren der Vergangenheit zum Vorschein kommen werden, welche wichtige Informationen über längst vergangene Epochen liefern können. Das geht aus einer Mitteilung der Urner Justizdirektion und dem Urner Institut «Kulturen der Alpen» hervor. Diese Funde – insbesondere aus organischem Material – werden durch das ewige Eis konserviert, und müssen bei der Freilegung möglichst schnell sichergestellt werden, damit sie nicht verwesen.

Im vergangenen Herbst haben Archäologen die Fundstelle bei der Unteren Stremlücke untersucht und sind dabei auf Hinweise aus der Mittelsteinzeit gestossen.

Im vergangenen Herbst haben Archäologen die Fundstelle bei der Unteren Stremlücke untersucht und sind dabei auf Hinweise aus der Mittelsteinzeit gestossen.

Bild: PD

Forschende sind für diese rasche Sicherstellung auf die Hilfe von Berggängerinnen, Strahlern und Jägerinnen angewiesen: Sie werden angehalten, mögliche Fundgegenstände zu fotografieren, zu markieren und den genauen Standort (mit Koordinaten) den entsprechenden archäologischen Fachstellen oder Behörden mitzuteilen. Denn für archäologische Funde ist der Kanton zuständig, auf dessen Boden sie gefunden wurden. Funde sollten gemäss der Mitteilung nur dann mitgenommen werden, wenn sie unmittelbar bedroht sind oder der Ort nicht wiedergefunden werden kann. Die Kontaktdaten der zuständigen Fachstellen sind online unter www.archaeologie.ch oder www.alparch.ch zu finden. Für Uri befindet sich der Kontakt hier.

Bereits vor acht Jahren konnten so mit Hilfe eines einheimischen Strahlers Holzreste, Geweihstangen und Kristallsplitter sichergestellt werden, welche durch den zurückschmelzenden Brunnifirn-Gletscher freigelegt wurden. Untersuchungen haben schliesslich gezeigt, dass Menschen die Kristallkluft, in der die Funde gemacht wurden, zwischen 8000 und 5800 Jahren vor Christus wiederholt aufgesucht haben. In der Mittelsteinzeit suchten Menschen gezielt nach Kristall in den Urner Bergen und bearbeiteten sie vor Ort – beispielsweise zu Messern, Pfeilspitzen, Bohrern oder Kratzern. Damit sind die Funde aus dem Kanton Uri die ältesten im Eis konservierten Artefakte im ganzen Alpenraum.

Plakate wurden zur Information aufgestellt

Neue Flyer und Plakate, verteilt in der ganzen Gotthard- und Oberalpregion, informieren die Berggänger nun über das Forschungsprojekt. Gleichzeitig weisen sie die Alpinisten auf mögliche Überraschungen am Gletscherrand hin.

«Es ist durchaus denkbar, dass in den Urner Bergen weitere steinzeitliche Abbaustellen oder sonstige Funde zum Vorschein kommen»,

sagt Projektleiter Marcel Cornelissen. Denn die mobilen Wildbeuter der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) durchstreiften zwischen 9500 und 5500 vor Christus weite Teile des Alpenraums und fast alle Höhenlagen. In den vergangenen Jahrzehnten fanden Archäologen an diversen Orten im Kanton Uri und im benachbarten Alpenraum Spuren, die auf die Kristallverarbeitung während der Mittelsteinzeit hindeuten. «Die Kristallkluft am Brunnifirn war nur einer von vielen Aufenthaltsorten dieser mobilen Gemeinschaft», so Cornelissen.

Das Projekt «Bergeis – Bergkristall aus den Alpen in der Mittelsteinzeit» wird durchgeführt vom Urner Institut «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern in Kooperation mit der Abteilung Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Uri. Weitere Partner des Forschungsprojekts sind der Archäologische Dienst Graubünden und das Kantonale Amt für Archäologie Wallis. Die Projekt-Website, die Plakate und die Flyer wurden finanziell unterstützt von der Jubiläumsstiftung der Mobiliar und der Otto-Gamma-Stiftung. (jb)

Mehr Informationen zum Projekt «Bergeis – Bergkristall aus den Alpen in der Mittelsteinzeit» gibt es unter www.kulturen-der-alpen.ch/bergkristall.