Doppelvernissage in Altdorf
Fotograf rückt Tabuthema ins Bewusstsein

Martin Fankhauser zeigt Porträts von Menschen mit psychischen Erkrankungen unter dem Motto «Wer ist schon normal?». Er will damit eine breite Öffentlichkeit erreichen.

Claudia Naujoks
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«Ich finde es gut und wichtig, dass dieses Thema endlich aus der Tabuzone geholt und offen darüber gesprochen wird, gerade auch hier im Kanton Uri», sagt Valentin, ein Besucher der Doppelvernissage mit dem Titel «ganzabNORMAL» im Café Krá und der Frisurenbäckerei Himbeerblond am vergangenen Samstag in Altdorf. Der Mental-Health-Aktivist Martin Fankhauser aus dem bernischen Oberaargau hat mittlerweile rund 50 Porträt-Fotografien von Menschen erstellt, die mit der Diagnose einer psychischen Erkrankung leben.

Die Urnerinnen Mjriam, Aurelia und Patrizia haben die Ausstellung des Fotografen Martin Fankhauser in den Kanton Uri geholt.

Die Urnerinnen Mjriam, Aurelia und Patrizia haben die Ausstellung des Fotografen Martin Fankhauser in den Kanton Uri geholt.

Bild: Claudia Naujoks (Altdorf, 3. September 2022)

Gegenübergestellt werden Fotos in Farbe und Schwarz-Weiss. Jenes in stellt die in sich gekehrte, von den Herausforderungen der Erkrankung gezeichnete Seite dar. Das schwarz-weisse die Eigenschaften, welche die Person noch so ausmachen. Die Abbildungen sind bisher ausschliesslich online auf Instagram und Facebook erschienen. Als selbst Betroffener ist dem Künstler dabei wichtig, zur Entstigmatisierung psychischer Krisen in der Gesellschaft beizutragen sowie das nächste, persönliche Umfeld zu sensibilisieren. «Ich möchte Betroffenen Mut machen, aufklären und helfen, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen», sagt er, der in der Personaladministration arbeitet. «Wenn man eine Diagnose erhält, schämt man sich zunächst, weil man denkt, wenn man im Job überfordert ist, ist man nicht gut genug dafür.»

Betroffene holen Ausstellung nach Uri

Die Protagonistinnen und Protagonisten des Projekts stammen aus der ganzen Deutschschweiz. «Gerade hier besteht eher der Eindruck, das seien Einzelfälle. Aber es sind mehr Menschen in Uri betroffen, als man denkt», konstatiert Aurelia, die mit ihren jungen 16 Jahren schon schwere Zeiten durchmachen musste. Sie absolviert momentan eine Ausbildung zur Floristin in einem geschützten Rahmen und wohnt in einem betreuten Wohnheim. Auch in ihrer Arbeitsstelle wird sie eng begleitet. Die Berufsschule besucht sie wie alle anderen.

Mjriam, 18 Jahre, möchte andere ermutigen, offen mit ihrer Diagnose umzugehen, und damit auch Arbeitgeber erreichen. Patrizia, 23 Jahre alt, sieht als Primarschullehrerin, wie die Kinder in einer Leistungsgesellschaft heranwachsen. Die Urnerinnen haben das Projekt im Internet entdeckt und beschlossen, mit ihrer Diagnose an die Öffentlichkeit zu gehen. Deshalb nahmen sie mit dem Berner Fotografen Kontakt auf. Auf diesem Weg haben die drei Urnerinnen auch einander kennen gelernt. «Als positiven Nebeneffekt bringt das Projekt die Betroffenen zusammen», freut sich Fankhauser.

Künstler will eine breite Öffentlichkeit erreichen

«Online erreiche ich nur eine bestimmte Altersgruppe», erklärt der 42-jährige Künstler. «Meine älteste Protagonistin ist 68 Jahre alt, gerade in diesen Jahrgängen ist die Hemmschwelle, offen mit einer psychischen Diagnose umzugehen, noch höher.» Er wolle aber möglichst viele in der Gesellschaft erreichen. Daraus sei die Idee entstanden, analoge Ausstellungen durchzuführen, die momentan in Bern und Altdorf laufen.

Durch den Pop-up-Charakter der Ausstellung ist sie sehr mobil und kann unkompliziert an vielen Orten eingesetzt werden. Rund 30 Porträts sind per Crowdfunding finanziert auf Hartschaumtafeln gedruckt worden. Sie vereinigen sich mit den Texttafeln, welche die Protagonistinnen und Protagonisten selbst erstellten. Die Ausstellungsstücke können je nach örtlichen Möglichkeiten in beliebiger Anzahl präsentiert werden, entweder an der Wand oder als Aufsteller oder -leger. «Das Ziel ist, möglichst viele Leute zu erreichen, deshalb können die Bilder aufgeteilt und an verschiedenen Orten gleichzeitig gezeigt werden», sagt Fankhauser.

Die Fotoausstellung von Martin Fankhauser ist vom 3. September bis 15. Oktober im Café Krá und der Frisurenbäckerei Himbeerblond während der Geschäftszeiten zu sehen.