Kanton Uri
Einblicke in den Bergleralltag von damals: Fredi M. Murers Tondokumente sind jetzt online

Bei den Dreharbeiten zu Fredi M. Murers Dokumentarfilm «Wir Bergler in den Bergen …» sind viele Tonbandaufnahmen entstanden. Nun sind diese Zeitdokumente für die Nachwelt und für die Wissenschaft digitalisiert auf einer Website zugänglich.

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Die Filmequipe unterwegs im Schächental; von links: Iwan Schumacher, Fredi M. Murer und Benjamin Lehmann.

Die Filmequipe unterwegs im Schächental; von links: Iwan Schumacher, Fredi M. Murer und Benjamin Lehmann.

Bild: PD

Der im Kanton Uri aufgewachsene Filmemacher Fredi M. Murer realisierte in den Jahren 1973 und 1974 den Dokumentarfilm «Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind». Dieser thematisiert das Leben der Urner Bergbevölkerung im Göscheneralptal, im Schächental, auf dem Urnerboden und im Maderanertal. Der Regisseur porträtiert Menschen und Familien, indem er sie in ihrem Alltag begleitet und ihnen das Wort gibt, um über Arbeit und Fortschritt zu reden.

Bei seinen Recherchen und Dreharbeiten in den Urner Bergen führte Murer viele Gespräche, die er auf Tonbänder aufnahm. Dadurch entstand umfangreiches Tonmaterial in Form von rund 160 Magnet-Tonbändern. Die Berglerinnen und Bergler erzählen über ihr Leben, Wirken, Hoffen und die Sorgen über die Zukunft im rauen Berggebiet. Dazu Romed Aschwanden, Geschäftsführer des Instituts «Kulturen der Alpen»:

«Die Aufnahmen sind ein einmaliges Dokument einer sich rasch wandelnden Lebenswelt. Sie halten Stimmen aus Gesellschaftsschichten fest, die nirgendwo sonst dokumentiert sind. Das ist auch über den Kanton Uri hinaus bedeutsam.»

Fredi M. Murer hatte nur einen kleinen Teil dieser Aufnahmen für seinen Film verwendet und die Tonbänder ruhten seit knapp einem halben Jahrhundert in seinem Archiv. «Beim Hören dieser Aufnahmen erfährt man sehr viel über die damalige Lebenswirklichkeit der Bergbauern. Ihnen schenkte man in den 1970er-Jahren wenig Gehör», wird Sophia Murer, die Tochter des Filmemachers, in einer Mitteilung zitiert. «Für meinen Vater und mich war es deshalb wichtig, diese seltenen Zeitdokumente zu erhalten, bevor sie altershalber nicht mehr abspielbar und für immer verloren sind.» Finanziell unterstützt durch die Dätwyler Stiftung, den Lotteriefonds des Kantons Uri und die Otto-Gamma-Stiftung, digitalisierten Sophia Murer und Paul Avondet, von Peakfein Studio, die Tonaufnahmen.

Die Familie von Jost Mattli im «Gwüest» in der Göscheneralp wirkte wie praktisch alle damaligen Bewohner des Göscheneralptals im Film mit.

Die Familie von Jost Mattli im «Gwüest» in der Göscheneralp wirkte wie praktisch alle damaligen Bewohner des Göscheneralptals im Film mit.

Bild: PD

In damalige Lebensrealitäten eintauchen

Bei der Digitalisierung kamen wahre Schätze an Lebenserinnerungen ans Tageslicht. Einen Teil der Aufnahmen hat Sophia Murer nun auf der eigens dafür geschaffenen Website wirbergler.ch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie setzt den Hauptfokus bewusst auf die Tonaufnahmen mit den Berglerinnen und Berglern und verleiht ihnen somit das nötige Gehör. Die Erzählungen über den bäuerlichen Alltag, das Familienleben, die Arbeit auf dem Hof, die Ausbildung der Kinder und deren schwierige Aussichten einer Zukunft als Bergbauern, den Alpsommer, Lawinenwinter, Armenseelengeschichten, Betrufe und vielem mehr, sind übersichtlich nach Regionen geordnet.

Ergänzend und zusätzlich perspektivgebend finden sich auf der Website auch Interviews mit zeitgenössischen Stimmen, wie etwa jener des Kunstmalers und Schriftstellers Ludwig Lussmann und der Hebamme Babette Gisler-Arnold. Hinzu kommen Tonaufnahmen der Diskussionen an der Urner Korporationsgemeinde 1973, bei der es um die Einführung des Frauenstimmrechts auf Stufe Korporation ging. Allen Aufnahmen ist ein Fotoporträt angefügt, das die Protagonisten im Moment des Gesprächs zeigt. Davon begleitet taucht man beim Hören dieser authentischen und lebendigen Tondokumente in die damalige Lebensrealität der Berglerinnen und Bergler ein.

Die Filmcrew begleitete die Familie von Franz Herger («Bänziger») aus Spiringen während rund eines Jahres.

Die Filmcrew begleitete die Familie von Franz Herger («Bänziger») aus Spiringen während rund eines Jahres.

Bild: PD

Studierende analysieren Strukturwandel

Romed Aschwanden, Geschäftsführer des Instituts «Kulturen der Alpen», ist sehr erfreut über die wertvollen Forschungsmöglichkeiten, die sich durch diese Tonaufnahmen auftun. «Wir dürfen das Material als erste Forschungseinrichtung auswerten, das ist eine besondere Aufgabe und eine gewisse Ehre.» Insbesondere da die Dokumente genutzt werden können, um den Wandel in den 1970er-Jahren nachzuvollziehen.

«Diese Jahre sind im Kontext des Nationalstrassenbaus, des Baus des Gotthardtunnels, aber auch der Agrarpolitik besonders einschneidend für den Kanton Uri.»

Zusammen mit Studierenden der Universität Luzern will sich das Institut nun aus historischer Perspektive dem Berggebiet der 1970er-Jahre annähern und sich intensiv mit dem Strukturwandel der Urner Berglandwirtschaft auseinandersetzen. Dazu ist eine Lehrveranstaltung im Frühjahrssemester 2022 geplant. (MZ)

Weitere Website ist geplant

Sophia Murer plant eine weitere, noch umfangreichere Website, da nur eine kleine Auswahl von Fredi M. Murers Tonaufnahmen erschlossen ist. In diesem «Oral History»-Projekt, sollen weitere Bergregionen dazukommen und die Geschichten können mit Tonaufnahmen, Fotos, Film oder Musik ergänzt werden. Dazu ist Murer auf der Suche nach Anregungen und Beiträgen, die vielleicht noch irgendwo auf dem Estrich schlummern und die sich ins neue Projekt aufnehmen lassen. Weitere Informationen: Sophia Murer, Peakfein Studio, Dorfstrasse 16, 8873 Amden (Telefon: 076 516 47 78; E-Mail: sophia@peakfein.ch). (MZ)

Hinweis: Die Tondokumente sind unter www.wirbergler.ch aufrufbar.