Ürner Asichtä
Elektrisches Licht ist längst keine Attraktion mehr

Kolumnist Elias Bricker schreibt darüber, wie die elektrische Beleuchtung des Telldenkmals im 19. Jahrhundert Einheimische und Besucher stark beeindruckt haben soll.

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Kolumnist Elias Bricker.

Kolumnist Elias Bricker.

Bild: PD

Ende des 19. Jahrhunderts war elektrisches Licht ein Novum. Das technische Wunderwerk versetzte die Menschen damals ins Staunen. Diese Wirkung wussten vier Hoteliers aus Andermatt vor 125 Jahren gezielt zu nutzen, um Kurgäste anzulocken.

Im Sommer 1897 – noch einige Jahre bevor überhaupt ein Wohnhaus im Urserntal Stromanschluss hatte – beleuchteten sie mit unzähligen elektrischen Lampen die Schöllenenschlucht samt Teufelsbrücke. Möglich hatte dies eine Turbine des Militärs gemacht. Auf Werbeplakaten priesen die Hoteliers die «Gratisbeleuchtung» an und versprachen den «imposantesten Anblick».

Bereits zwei Jahre haben erstmals elektrische Lampen in Altdorf gebrannt. Pünktlich zur Einweihung des Telldenkmals im August 1895 wurde eine provisorische Installation errichtet, um Wilhelm Tell und Walterli auch nachts ins rechte Licht zu rücken – dies wenige Monate bevor das EWA den Hauptort mit Strom versorgen konnte. Glaubt man den damaligen Berichten, so waren Einheimische und zahlreiche auswärtige Besucher vom erleuchteten Nationalhelden mächtig beeindruckt.

Vielleicht ist es ein bisschen Ironie des Schicksals: Ausgerechnet das Telldenkmal bleibt aktuell im Dunkeln. Die Schweiz muss Strom sparen, die öffentliche Hand geht mit gutem Beispiel voran. So verzichtet nicht nur Altdorf auf die sonst übliche Scheinwerferbeleuchtung des Telldenkmals, des Zeughauses und des Mehrzwecklokals Winkel.

Auch andere Gemeinden, Kanton, Kirchgemeinden und weitere Institutionen erlassen Sparmassnahmen. Deshalb bleiben die sonst nachts hell erleuchteten Kirchen, Gemeindehäuser und Denkmäler für einmal schwarz. Vielerorts verzichten die Gemeinden nun auch auf Weihnachtsbeleuchtungen.

Die plötzliche Dunkelheit polarisiert und schürt teilweise auch Ängste. Mich persönlich irritiert die aktuelle Dunkelheit nicht – im Gegenteil. Ich störe mich schon lange daran, dass die Lichtverschmutzung in der Schweiz von Jahr zu Jahr zunahm – ohne Rücksicht auf Flora und Fauna.

Als Steuerzahler verstehe ich zudem nicht, dass die öffentliche Hand schweizweit jährlich Tausende von Franken investiert für Installation, Betrieb und Unterhalt der Scheinwerfer, die irgendwelche öffentlichen Gebäude und minderschönen Kreiselskulpturen anstrahlen.

Ich habe Verständnis dafür, dass Geschäfte ihre Leuchtreklamen oder Schaufenster auch nachts zu bestimmten Zeiten beleuchten. Sie sollen schliesslich von der potenziellen Kundschaft gesehen werden. Aber warum lässt die öffentliche Hand die meisten öffentlichen Gebäude während der Nacht im Scheinwerferlicht erscheinen?

Im Gegensatz zur Wirtschaft kann sie keine Kunden gewinnen. Die Gemeinde kriegt wegen der nächtlichen Beleuchtung des Gemeindehauses keine neuen Steuerzahler, das Altersheim keine weiteren Anmeldungen und die Kirche keine zusätzlichen Messebesucher.

Vielleicht bin ich zynisch. Aber sind wir ehrlich: Ein hell erleuchtetes Schulhaus oder eine angestrahlte Mehrzweckhalle haut niemand mehr vom Hocker. Nur wegen der «Gratisbeleuchtung» der «Winkel»-Halle fährt heute jedenfalls keine Person mehr extra nach Altdorf, so wie die Touristen vor 125 Jahren in die Schöllenen. Elektrisches Licht ist längst keine Attraktion mehr. Der Sternenhimmel bietet den «imposantesten Anblick».

Ich appelliere deshalb dafür, dass die Nacht wieder mehr Nacht sein soll. Nutzen wir die aktuelle Strommangellage doch, für eine Debatte darüber, welche Beleuchtungen es wirklich braucht.

Elias Bricker, Flüelen