Ürner Asichtä
«Mach, du blöde Kuh, der Zug wartet nicht»

Die freie Journalistin Regula Waldmeier schreibt in ihrer Kolumne über die positive Wirkung von Selbstgesprächen.

Regula Waldmeier
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Bild: Philipp Zurfluh (Altdorf, 13. November 2019)

Führen Sie Selbstgespräche?

Sie meinen, das tun nur Spinner? Ich glaube, da irren Sie sich. US-Forscher schätzen, dass 96 Prozent aller Erwachsenen hin und wieder Selbstgespräche führen. Und das sei auch gut so, denn Selbstgespräche würden unsere Gedankengänge strukturieren und seien beim Stressabbau förderlich, behaupten sie.

Meine Bekannte unterhält sich laut mit ihrem verstorbenen Mann. Auch andere Witfrauen tun dies. Für sie ist das eine Quelle der Geborgenheit und gibt Kraft für den Alltag. Wie wohltuend.

Eine Kollegin überlegt im Monolog, was im Haushalt noch zu erledigen ist, so laut, dass ihr Partner wissen will, mit wem sie schon wieder rede. Im Homeoffice stellt diese oder jener fest, dass der Partner bei der Arbeit hörbar mit sich diskutiert, wie das Problem am Bildschirm zu lösen sein könnte.

Habe ich etwas viel um die Ohren, sage ich mir laut: «Voräwäg näh.» Ist alles erledigt, lobe ich mich aufmunternd, als wäre ich ein kleines Kind.

Je älter ich werde, desto langsamer werde ich. Am Morgen bei Swiss-Classic-Musik hänge ich meinen Tagträumen nach. Da kommt es schon vor, dass ich mich zur Eile mahnen muss: «Mach du dumme Kuh, der Zug wartet nicht», um mich dann gleich zu korrigieren: «Kühe sind nicht dumm, du bist dumm.»

Auch im Auto schimpfe ich wie ein Rohrspatz, wenn wieder so ein «Tubel» den Zeiger beim Kreisel nicht stellt. Und vor der Lichtanlage: «Fahr du Blödmann, es wird nicht grüner.» Andere sprechen auf dem Fahrrad vor sich hin, sodass sie sich irritierte oder amüsierte Blicke gefallen lassen müssen. Einer meinte hinter einem Zuger fahrend verärgert: «In Zug kannst du meinetwegen so langsam fahren, hier in Uri läuft das schneller.»

Eine bestens ausgebildete, liebenswürdige Pflegefachfrau hat einem jungen Schützling mit einer Behinderung bei einer Hilfestellung leicht wehgetan. «Aargauer», schnauzt der sie an. Am Freitagabend gesteht die Mutter, die ihren Sohn ins Wochenende heimholt, errötend, sie nenne alle Autofahrer, die sie nervten, «Aargauer».

Unschuldig und so nebenbei stellt meine fünfjährige Grosstochter fest, man sage im Fall nicht «Scheiss die Wand an». Sie sagt immer «im Fall». Ich werde stutzig. «Habe ich das gesagt?», möchte ich wissen. «Ja», antwortet die Kleine, «vorhin, als dir das Messerli auf die nackte Zehe gefallen ist.»

Ich halte fest: Selbstgespräche braucht es, sie tun mir «im Fall» gut.