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Uris Tour-de-Suisse-Geschichte ist um ein trauriges Kapitel reicher

Kolumnist Elias Bricker über zwei tragische Unfälle an der Tour de Suisse.

Elias Bricker
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Elias Bricker

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Bild: PD

Die Tour de Suisse 2023 ist Geschichte. Am Donnerstag passierte sie auch den Kanton Uri. Dabei legten die Fahrer die 211 Kilometer lange Strecke über drei Alpenpässe von Fiesch im Wallis nach La Punt im Unterengadin zurück – dies in nur gerade fünfeinhalb Stunden. Ich hätte für dieselbe Strecke – eine längere Kaffeepause mit einberechnet – etwa gleich lang mit dem Auto.

Heute verfolge ich die Tour nur noch am Rande. Als Kind stand ich jedoch regelmässig an der Strasse und feuerte die Fahrer an. Für die ganze Schulklasse war es stets eine willkommene Abwechslung, halbe Nachmittage irgendwo auf einem Trottoir auf das Fahrerfeld zu warten. Noch wichtiger als das Rennen war für uns aber die Werbekarawane, die uns mit Glace, Kugelschreiber und Dächlikappen eindeckte. Ich war überdies angetan von den Rennkommissären, die in den Autos stehend aus den offenen Dachfenstern das Geschehen kontrollierten. Gerne wäre ich auch so durch die Schweiz gekurvt.

Auf dem langen Schulweg, den ich mit dem Velo zurücklegen durfte, eiferte ich zudem mit lebendiger Fantasie den Radstars nach – mit Zwischensprints beim Bahnhof und Bergankünften beim Schulhaus. Am Fernsehen oder mit der Zeitung verfolgte ich die Zeiten der damaligen Urner Radprofis akribisch. Schliesslich begegneten uns die Brüder Markus und Beat Zberg, Kurt Betschart sowie Bruno Risi bei ihren Trainingsfahrten gelegentlich auf dem Schulweg.

Dank fünf Alpenpässen im Zentrum der Schweiz passiert die Tour de Suisse den Kanton Uri fast jährlich. Uri ist daher eng mit der Tour verbunden. Hobby-«Gümmeler» vergleichen sich noch heute mit Beat Breu, der beim Zeitfahren 1984 von Bürglen auf den Klausenpass gerade 55 Minuten benötigte. Ein Highlight in der Urner Tour-Geschichte war auch der Sprintsieg des Ostschweizers Michael Albasini 2005 in Altdorf. Überdies erzählen sich die älteren Urner noch immer, wie Weltmeister Ferdy Kübler in den 1950er-Jahren bei seinen Trainingsfahrten über den Klausenpass jeweils bei «Bibi» im Schützenhaus in Bürglen eingekehrt sei.

Uri und die Tour de Suisse verbindet aber auch ein dunkles Kapitel der Tour-Geschichte. Am 16. Juni 1948 passierte der Tourtross den Sustenpass zum ersten Mal. Als Verfolger einer Spitzengruppe raste der Belgier Richard Depoorter auf der Abfahrt ob Wassen in eine Tunnelwand. Ein Arzt, der zufällig vor Ort war, konnte nur noch den Tod feststellen. Schädelbruch lautete die Todesursache.

Im Ziel in Altdorf machte jedoch das Gerücht die Runde, der Belgier sei zwar gestürzt, danach aber von einem Begleitfahrzeug überfahren worden. Doch die Untersuchungsbehörde konnte am Velo nichts Auffälliges feststellen. Das Gerücht hielt sich dennoch hartnäckig. Über Wochen thematisierten Medien international den Unfall und die scheinbar schlampige Arbeit der Urner Behörden. Die Leiche Depoorters wurde daher im Herbst 1948 exhumiert, im Januar 1949 ein zweites Mal. Experten stellten dabei fest: Der Schädel ist unversehrt, die Oberschenkel aber sind gebrochen und der Brustkorb eingedrückt. Der Skandal war perfekt. Zwei Jahre nach dem Unfall verurteilte ein Gericht in Brüssel den Fahrer des Begleitfahrzeugs wegen fahrlässiger Tötung.

Seit Freitag ist die Tour-Geschichte um ein tragisches Kapitel reicher. Auf den Tag genau 75 Jahre nach Richard Depoorters Unfalltod ob Wassen erlag der Schweizer Radrennfahrer Gino Mäder im Spital seinen Verletzungen. Der Berner war tags zuvor auf der oben erwähnten Etappe von Fiesch nach La Punt in der Abfahrt vom Albulapass gestürzt. Gino Mäders Tod lässt die Radsportwelt sprachlos zurück. Der Unfall zeigt leider, wie viel Risiko die Velofahrer in den Abfahrten jeweils auf sich nehmen. Ist dies das Spektakel am Berg wirklich wert? Oder müsste bei solch rasanten Abfahrten das Rennen künftig neutralisiert werden? Das letzte Wort ist da sicher noch nicht gesprochen. Ich wünsche den Angehörigen von Gino Mäder jedenfalls viel Kraft.