Ürner Asichtä
Von Marinas, Wolkenkratzern und anderen Luftschlössern

In der Kolumne schreibt der Autor über bereits gescheiterte Grossprojekte am und um den Urnersee.

Ruedi Bomatter, Altdorf
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Ruedi Bomatter.

Ruedi Bomatter.

Bild: Markus Zwyssig (Altdorf, 10. September 2019)

Touristische Grossprojekte rund um den Urnersee haben einen schweren Stand. Diese Erfahrung muss auch Samih Sawiris machen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich der ägyptische Grossinvestor in einer illustren Gesellschaft mit Monarchen, Yogis und Dorfkönigen befindet. Ludwig II., König von Bayern, war vom Tellmythos und der Landschaft rund um den Urnersee sehr angetan. Nach seinem Besuch der historischen Stätten fasste der junge Monarch 1865 den Entschluss, die Rütliwiese zu kaufen und dort ein Märchenschloss im Stile von Neuschwanstein zu errichten. Doch der König kam ein paar Jahre zu spät. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) kaufte 1859 das Gelände und übergab es der schweizerischen Eidgenossenschaft als unveräusserliches Nationaleigentum.

Übrigens: Durch den Kauf wollte die SGG das Vorhaben von Investoren verhindern, ein Hotel auf dem Rütli zu errichten. Eine weitere Vision hatte Ludwig auch für die Tellsplatte, ihm schwebte der Bau einer riesenhaften Statue Tells vor, so kolossal, dass unter dessen Beinen die grossen Dampfschiffe hätten durchfahren können. Doch auch diese Idee zerschlug sich.

Weitaus kühner noch war die Idee von Maharishi Mahesh Yogi, welcher seit 1972 in Seelisberg residierte und kurz darauf aus dem ehemaligen Hotel Sonnenberg das «Zeitalter der Erleuchtung» verkündete. Für rund 4,5 Milliarden Franken wollte er in Seelisberg den «Turm der Erleuchtung» errichten, damals mit 500 Metern das höchste Gebäude der Welt. Der überdimensionierte Wolkenkratzer aus Stahl und Glas sollte weit über die Region hinaus ausstrahlen und Wohn- sowie Arbeitsraum für 50’000 Personen schaffen. Doch mit den fliegenden Yogis verschwand auch dieses Projekt so schnell wieder, wie es aufgetaucht war.

Mitte der 80er-Jahre liefen die Vorbereitungen für die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft auf Hochtouren. Unter dem Namen CH91 war eine dezentrale Landesausstellung rund um den Vierwaldstättersee geplant. Auch im Urner Reussdelta waren Pfahlbauten für Aussichts- und Ausstellungsplattformen vorgesehen. Eine der geplanten Holzkonstruktionen ähnelte der Form eines Vogels mit ausgestreckten Flügeln.

Im April 1987 kam es zur Volksabstimmung. Unter dem Slogan «Diesen Vogel schiessen wir ab» wurde dieses Projekt von der Urner Stimmbevölkerung versenkt. Realisiert wurde schlussendlich nur der Trampelpfad der Nation, welcher zwar jährlich rund 250’000 Besucher an den Urnersee bringt, aber mangels touristischer Angebote kaum Wertschöpfung hinterlässt.

Nach der Jahrtausendwende tauchte die Idee auf, das Flüeler Industrie- und Gewerbegebiet am See in Wohngebiet umzuwandeln – das Projekt «Flüelen West» war geboren. Auf 26 Hektaren sollte Wohnraum für rund 2000 Personen entstehen, wobei die Liegenschaften durch Kanäle direkt mit dem See verbunden werden sollten. Doch auch dieses Projekt musste – bevor es konkret wurde – wieder beerdigt werden. Die sehr gut besuchte Gemeindeversammlung Flüelen vom 1. Juli 2010 lehnte einen Planungskredit über 80’000 Franken deutlich ab.

Ähnlich erging es der im selben Gebiet vorgesehenen Marina von Samih Sawiris. Nach der extrem formulierten Petition «Der Urnersee gehört uns!» hat der Investor die Lust auf dieses Projekt verloren. Jetzt bleibt noch die Marina auf dem Gebiet der ehemaligen Sprengstofffabrik an der Isleten.

Mit Spannung erwarte ich die geplante Informationsveranstaltung vom 6. April. Es liegt nun am Investor und den Behörden, ein mehrheitsfähiges Projekt zu präsentieren. Ein Status quo mit einer über weitere Jahrzehnte andauernden Industriebrache an dieser privilegierten Lage wäre wohl für alle die schlechteste Lösung.