Umwelt
Gletscher in Uri schmelzen im Rekordtempo

Verantwortlich für die Rekordschmelze von 2022 sind einerseits der schneearme Winter, der Saharastaub im Frühling und die hohen Temperaturen im Sommer. Ein Bergführer berichtet.

Christof Hirtler
Drucken

Seit Wochen führt die Reuss bei Amsteg viel Wasser, gespiesen vom Schmelzwasser des Kerstelenbachs. Ein paar Kilometer nördlich fliesst der hochgehende Alpbach bei Erstfeld in die Reuss. Auch hier Hochwasser, Schmelzwasser – Gletschermilch. Lorenz Jaun vom Urner Amt für Umweltschutz weiss: «Die Hitzeperioden mit hohen Temperaturen führen zu einer intensiven Gletscherschmelze. Die graue Farbe des Wassers, die sogenannte Gletschermilch, stammt vom Gesteinsmehl, das durch die Bewegung der Gletscher auf dem felsigen Untergrund entsteht». Diese Trübung werde durch die zuneh­menden Starkniederschläge um ein Mehrfaches überlagert und könne zu deutlichen Ablagerungen im Gewässer führen.

Der Kerstelenbach führt viel Schmelzwasser.

Der Kerstelenbach führt viel Schmelzwasser.

Bild: Christof Hirtler (Erstfeld, 10. August 2022)

«Bereits in den letzten Jahren haben wir, bedingt durch die hohen Temperaturen und Starkniederschläge im Einzugsgebiet, starke Trübungen zum Beispiel in der Furkareuss, im Chärstelenbach, im Schächenbach und im Alpbach festgestellt», so Jaun. «In der aktuellen Situation haben sich die Hitzeperiode und die Starkniederschläge ergänzt und stellen eine starke Belastung für die Wasserlebewesen und Fische dar.»

Beobachtungen des Bergführers Ernst Jauch

Ernst Jauch, 1949 als Kind einer Bauernfamilie in den Schattigbergen in Bristen geboren, ist seit 1980 als Bergführer in den Urner Alpen unterwegs. Er erinnert sich an die Winter seiner Kindheit: «Wir hatten viel mehr Schnee als heute. Der erste Schnee fiel bereits im Oktober, Anfang November. Der Schulweg musste von Haus zu Haus bis zur Golzern Seilbahn freigeschaufelt werden.» Oft seien sie bei höchster Lawinengefahr zu Hause geblieben. «Trotz der strengen Winter war bereits in den 1960er-Jahren ein rasanter Rückgang des Hüfigletsches zu beobachten. So entstand um 1980 nach dem Rückzug des Gletschers in Griessboden ein See. Der See gab viel zu reden», erzählt Jauch.

«Die Einheimischen fürchteten sich vor einem Gletscherabbruch, der das ganze Dorf überschwemmen könnte.»
Ernst Jauch spricht über den Gletscherrückgang.

Ernst Jauch spricht über den Gletscherrückgang.

Bild: Christof Hirtler (Erstfeld, 10. August 2022)

Ernst Jauch ist eng mit der Bergwelt des Maderanertals verbunden. Mehrere Sommer war er auf der Alp Gufern mit den Ausstafeln Frutt, Rinderbühl und Waltersfirn. Zuerst als Zuhirt, später als Senn. Auf Hinterbalm, eingangs Brunnital hat er vor ein paar Jahren einen Stall als Ferienhaus umgebaut. Oft ist er auch im Winter hier. «Im Winter 2019/2020 war die Schnee­decke auf der Hinterbalm nur 1,20 Meter hoch. Viel zu wenig. Im Lawinenwinter 1999/2000 habe ich eine Schneedecke von über 2,00 gesetztem Meter gemessen», so Jauch.

«Sein Ferienhaus sei bis zum Dachfenster eingeschneit gewesen. So sollte es sein, auf dieser Höhe.»

Die schneearmen Winter seien laut Jauch der Grund für das massive Abschmelzen der Gletscher im Sommer. Den Gletschern fehle die schützende Schneedecke. «Und die Hitze kommt schon früh, immer früher», sagt Ernst Jauch. «Dieses Jahr hatten wir bereits im März hohe Temperaturen. Temperaturen, wie wir sie früher erst im Juli hatten.» Dadurch setze die Schneeschmelze immer früher ein. Nun schmelze im Hochsommer seit Wochen das blanke Eis. Selbst auf 2000 Metern über Meer seien die Nächte viel zu warm. «Ich war dieses Jahr mehrmals auf dem Hüfigletscher. Heute brauche ich von der Hüfihütte eine halbe Stunde bis zum Gletscher, vor 20 Jahren waren es 10 Minuten», sagt Jauch.

«Bereits am Morgen vor dem Sonnenaufgang komme aus dem Gletschertor ein reissender Bach. Das ist unser Gletscher, der wegfliesst. Das ist schmerzhaft.»
Die Gletscherschmelze wird sichtbar: Der Alpbach, der in die Reuss fliesst. Das trübe Wasser wird Gletschermilch genannt.

Die Gletscherschmelze wird sichtbar: Der Alpbach, der in die Reuss fliesst. Das trübe Wasser wird Gletschermilch genannt.

Bild: Christof Hirtler (Erstfeld, 12. August 2022)

Ernst Jauch erinnert sich, wie sein Vater auf eine Meldung in den Mittagsnachrichten reagierte: Nullgrad-Grenze auf 3000 Meter. «‹Jetzt nähme es ihn noch wunder, wie hoch die Nullgrad-Grenze noch steigen könnte›, war sein Kommentar.» Diesen Sommer lag die Nullgrad-Grenze auf 5184 Meter. «Das kann nicht gut sein. Gletscher und die Schneedecke sind riesige saisonale Wasserspeicher. Ich frage mich: Haben zukünftige Generationen noch Wasser?», meint Jauch bedenklich.

Düstere Aussichten

Niedrige Wasserstände in Seen und Flüssen, rekordhohe Wassertemperaturen, Fischsterben, ausgetrocknete Böden, frühzeitige Alpabzüge, Schlachtungen von Tieren wegen Futtermangel. Die Hitzewellen, Waldbrände und die Dürre in der Schweiz und Europa haben dramatisch vor Augen geführt: Der Klimawandel ist kein Zukunftsszenario. Der Klimawandel ist Realität und viel drastischer, als man sich dies vorgestellt hat.

Am 28. April 2021 schrieb die ETH in einer Medienmitteilung: «Fast alle Gletscher weltweit werden immer dünner und verlieren an Masse – und das immer schneller. Die Untersuchung ist die bisher umfassendste und genaueste ihrer Art. Gletscher sind ein sensibler und augenfälliger Indikator für den Klimawandel. Ungeachtet der Höhenlage oder der geografischen Breite schmilzt das Gletschereis seit Mitte des 20. Jahrhunderts rasant. Zwischen 2000 und 2019 büssten die Gletscher weltweit pro Jahr im Durchschnitt insgesamt 267 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Eis ein. Mit diesem Volumen hätte die Landesfläche der Schweiz alljährlich sechs Meter unter Wasser gesetzt werden können.»

Nach einer Prognose von Schweizer Forschern werden die Gletscher in den Alpen bis 2100 nahezu vollkommen weggetaut sein.